Schmerzen können Bewegung, Schlaf, Arbeit und Lebensqualität erheblich beeinträchtigen. Schmerzmittel können in bestimmten Situationen helfen,
Beschwerden zu lindern und Aktivität wieder zu ermöglichen. Sie sind jedoch weder bei jeder Schmerzstärke zwingend notwendig noch für alle Schmerzarten gleichermaßen geeignet.
Welche medikamentöse Behandlung sinnvoll ist, hängt unter anderem von der Ursache und Dauer der Beschwerden, Begleiterkrankungen, weiteren Medikamenten und persönlichen Risiken ab. Die Auswahl und Dosierung gehören deshalb in ärztliche beziehungsweise pharmazeutische Hände.
Bei Rückenschmerzen bilden verständliche Informationen, angepasste Bewegung und ein schrittweiser Belastungsaufbau häufig die Grundlage der Behandlung. Bei einer rheumatoiden Arthritis steht dagegen die frühzeitige Kontrolle der Entzündung durch eine rheumatologische Basistherapie im Mittelpunkt.
Müssen Schmerzen immer vollständig beseitigt werden?
Das Ziel einer Schmerzbehandlung ist nicht zwangsläufig vollständige Schmerzfreiheit. Gerade bei länger bestehenden Beschwerden ist dies nicht immer sofort erreichbar.
Sinnvolle Behandlungsziele können sein:
- wieder besser schlafen
- länger gehen oder sitzen können
- Alltagsaufgaben selbstständiger bewältigen
- Bewegung und Training wieder aufnehmen
- an Arbeit und sozialen Aktivitäten teilnehmen
- weniger unter Nebenwirkungen leiden
- einen sicheren Umgang mit den Beschwerden entwickeln
Eine Schmerzskala von 0 bis 10 kann helfen, den Verlauf zu beobachten. Der Zahlenwert allein entscheidet jedoch nicht darüber, ob ein Medikament notwendig ist. Ebenso wichtig sind Ursache, Dauer, Funktionsverlust, Begleitsymptome und persönliche Risiken.
Was sagen die Leitlinien zu Rückenschmerzen?
Aktuelle Empfehlungen betrachten Medikamente bei Rückenschmerzen grundsätzlich als möglichen Bestandteil eines umfassenderen Behandlungskonzeptes. Sie sollen Bewegung und Alltagsaktivität unterstützen, nicht dauerhaft ersetzen.
Bei unspezifischen Kreuzschmerzen gilt:
- Aktivität sollte möglichst beibehalten oder schrittweise wieder aufgenommen werden.
- Längere Bettruhe wird nicht empfohlen.
- Nichtmedikamentöse Maßnahmen stehen besonders bei länger bestehenden Beschwerden im Vordergrund.
- Nichtsteroidale Antirheumatika, kurz NSAR, können zeitlich begrenzt erwogen werden, wenn keine Gegenanzeigen bestehen.
- Dabei sollen die niedrigste wirksame Dosis und eine möglichst kurze Einnahmedauer gewählt werden.
- Opioide sind keine routinemäßige Behandlung akuter oder chronischer Rückenschmerzen.
- Medikamente müssen regelmäßig auf Wirkung, Nebenwirkungen und weitere Notwendigkeit überprüft werden.
Bei Ischiasbeschwerden oder anderen Nervenschmerzen gelten zum Teil andere Empfehlungen. Hier helfen klassische Schmerzmittel häufig weniger zuverlässig. Gabapentin oder Pregabalin sollten bei Ischias nicht einfach routinemäßig eingesetzt werden; eine individuelle ärztliche Beurteilung ist erforderlich. Die NICE-Leitlinie zu Kreuzschmerzen und Ischias warnt außerdem vor dem routinemäßigen Einsatz von Opioiden bei chronischen Kreuzschmerzen.
Welche Schmerzmittelgruppen gibt es?
Nichtsteroidale Antirheumatika – NSAR
Zu dieser Gruppe gehören beispielsweise:
- Ibuprofen
- Diclofenac
- Naproxen
- Celecoxib
- Etoricoxib
NSAR wirken schmerzlindernd und entzündungshemmend. Sie können bei bestimmten akuten Rückenschmerzen oder entzündlichen Gelenkbeschwerden zeitweise hilfreich sein.
Mögliche Risiken betreffen unter anderem:
- Magen und Darm
- Nierenfunktion
- Blutdruck
- Herz-Kreislauf-System
- Blutungsrisiko
- Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten
Besondere Vorsicht ist bei höherem Lebensalter, Nieren- oder Herzerkrankungen, Magengeschwüren, Blutverdünnern und bestimmten Blutdruckmedikamenten erforderlich. Verschiedene NSAR sollten nicht ohne ärztliche Anweisung miteinander kombiniert werden.
Paracetamol
Paracetamol wirkt schmerzlindernd und fiebersenkend, aber kaum entzündungshemmend. Bei Rückenschmerzen ist die Wirkung häufig begrenzt. Es sollte deshalb nicht als automatisch wirksames Standardmedikament betrachtet werden.
Eine zu hohe Dosierung kann die Leber schwer schädigen. Zu beachten ist außerdem, dass Paracetamol in mehreren Kombinationspräparaten gleichzeitig enthalten sein kann.
Metamizol
Metamizol, auch Novaminsulfon genannt, ist ein verschreibungspflichtiges Schmerzmittel. Es kann bei stärkeren Schmerzen eingesetzt werden, ist aber nicht für jede Person geeignet.
Selten kann es zu einer schweren Verminderung bestimmter weißer Blutkörperchen kommen. Fieber, Halsschmerzen, schmerzhafte Veränderungen im Mund oder ein plötzliches starkes Krankheitsgefühl während der Einnahme müssen deshalb umgehend ärztlich abgeklärt werden.
Opioide
Zu den Opioiden gehören beispielsweise Tramadol, Tilidin, Morphin, Oxycodon und Fentanyl. Sie können bei bestimmten starken Schmerzen notwendig sein, sind bei Rückenschmerzen jedoch keine allgemeine Standardlösung.
Mögliche Nebenwirkungen sind:
- Müdigkeit und Benommenheit
- Verstopfung
- Übelkeit
- Sturzgefahr
- verlangsamte Atmung
- Gewöhnung und Abhängigkeit
- eingeschränkte Fahrtüchtigkeit
Bei längerfristiger Anwendung müssen konkrete Behandlungsziele vereinbart und Wirkung, Nebenwirkungen sowie Medikamentenverbrauch regelmäßig kontrolliert werden. Die inzwischen abgelaufene deutsche LONTS-Leitlinie betonte bereits die strenge Nutzen-Risiko-Abwägung bei chronischen nicht tumorbedingten Schmerzen; ihre Aktualisierung sollte bei späteren Artikelprüfungen berücksichtigt werden.
Medikamente gegen Nervenschmerzen
Bei bestimmten neuropathischen Schmerzen können unter anderem einzelne Antidepressiva oder Antikonvulsiva eingesetzt werden. Dazu gehören beispielsweise Amitriptylin, Duloxetin, Gabapentin oder Pregabalin.
Diese Medikamente sind keine gewöhnlichen Schmerzmittel. Ob sie geeignet sind, hängt von der genauen Art der Nervenschädigung und den persönlichen Risiken ab. Ein Bandscheibenvorfalloder eine Schmerzausstrahlung allein rechtfertigt ihren Einsatz nicht automatisch.
Schmerzmittel bei Tennisarm, Golferarm und anderen Sehnenansatzbeschwerden
Beim Tennisarm und Golferarm entstehen die Schmerzen am Ansatz der Unterarmsehnen. Obwohl die Bezeichnung „Epicondylitis“ nach einer klassischen Entzündung klingt, stehen besonders bei länger bestehenden Beschwerden häufig Veränderungen des Sehnengewebes und eine verminderte Belastbarkeit im Vordergrund.
Nichtsteroidale Antirheumatika wie Ibuprofen oder Diclofenac können die Schmerzen vorübergehend lindern. Für einen Tennisarm gibt es Hinweise auf eine kurzfristige Wirkung äußerlich angewendeter NSAR-Gele. Wie gut NSAR-Tabletten helfen, ist weniger eindeutig. Es gibt keine Hinweise darauf, dass diese Medikamente die Heilung der Sehne beschleunigen.
Auch äußerlich angewendete Präparate sind nicht für alle Menschen geeignet und können Nebenwirkungen verursachen. Ob ein Gel oder eine Tablette infrage kommt, sollte deshalb ärztlich oder in der Apotheke geklärt werden.
Wichtig ist: Weniger Schmerzen bedeuten nicht automatisch, dass die Sehne bereits wieder voll belastbar ist. Schmerzmittel sollten nicht dazu verwendet werden, Beschwerden zu überdecken und belastende Tätigkeiten unverändert fortzusetzen. Die Grundlage der Behandlung bilden eine vorübergehende Anpassung der auslösenden Belastungen, dosierte Bewegung und ein schrittweise gesteigertes Krafttraining.
Kortisonspritzen können die Beschwerden bei einem Tennisarm kurzfristig reduzieren. Allerdings können die Schmerzen anschließend häufiger zurückkehren und das Sehnen- oder Hautgewebe kann beeinträchtigt werden. Nutzen, Risiken und Alternativen sollten daher individuell ärztlich besprochen werden.
Diese Grundsätze können auch bei anderen Sehnenansatzbeschwerden eine Rolle spielen. Die Behandlung muss jedoch immer an die betroffene Sehne, die genaue Diagnose, die Dauer der Beschwerden und persönliche Risiken angepasst werden.
Schmerzmittel bei rheumatoider Arthritis
Bei der rheumatoiden Arthritis entsteht der Schmerz häufig durch eine aktive Gelenkentzündung. Schmerzmittel oder NSAR können Beschwerden vorübergehend lindern, bremsen die Erkrankung aber nicht ausreichend und verhindern keine Gelenkschäden.
Im Mittelpunkt steht deshalb eine frühzeitige rheumatologische Behandlung mit krankheitsmodifizierenden Medikamenten, den sogenannten DMARDs. Dazu gehören je nach Krankheitsverlauf beispielsweise:
- Methotrexat und andere konventionelle DMARDs
- biologische DMARDs
- zielgerichtete synthetische DMARDs
Glukokortikoide wie Prednisolon sind keine gewöhnlichen Schmerzmittel. Sie wirken stark entzündungshemmend und können ärztlich kontrolliert zeitlich begrenzt eingesetzt werden. Wegen ihrer möglichen Nebenwirkungen sind eine klare Indikation, eine möglichst kurze Anwendung und eine kontrollierte Dosisreduktion wichtig.
Die aktuellen europäischen Empfehlungen betonen erneut die frühe, konsequente Anpassung der krankheitsmodifizierenden Behandlung. Das Ziel ist eine Remission oder zumindest eine niedrige Krankheitsaktivität. Schmerzmittel dürfen eine unzureichend kontrollierte Entzündung nicht verdecken. EULAR: Aktualisierung der Empfehlungen zur rheumatoiden Arthritis
Können Medikamente Physiotherapie ermöglichen?
Eine angemessene Schmerzlinderung kann Bewegung, Schlaf und aktive Mitarbeit erleichtern. Daraus folgt jedoch nicht, dass Physiotherapie erst nach vollständiger Schmerzfreiheit möglich ist.
In vielen Fällen ist eine vorsichtige, angepasste Bewegung trotz leichter oder mäßiger Beschwerden sinnvoll. Entscheidend ist die Reaktion des Körpers:
- Wie verändert sich der Schmerz während der Bewegung?
- Beruhigen sich die Beschwerden anschließend wieder?
- Nimmt die Schwellung zu?
- Verbessert sich die Funktion?
- Treten neue Nervensymptome oder andere Warnzeichen auf?
Schmerzmittel sollten nicht dazu dienen, Warnsignale vollständig zu überdecken und eine noch nicht verträgliche Belastung zu erzwingen.
So setzen wir es in unserer Praxis um
Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten verordnen keine Schmerzmedikamente. Für eine sichere Behandlungsplanung ist es dennoch wichtig zu wissen, welche Präparate eingenommen werden und wie sie die Belastbarkeit beeinflussen.
Zu Beginn der Behandlung fragen wir deshalb unter anderem:
- Welche Medikamente werden eingenommen?
- In welcher Dosierung und seit wann?
- Wie stark lindern sie die Beschwerden?
- Treten Müdigkeit, Schwindel oder andere Nebenwirkungen auf?
- Haben sich Bewegung und Alltagsfunktion verbessert?
- Bestehen relevante Begleiterkrankungen?
- Gibt es einen ärztlichen Einnahme- oder Reduktionsplan?
Unsere Behandlung konzentriert sich anschließend auf die tatsächliche Funktion. Je nach Befund können dazu gehören:
- verständliche Informationen über die Beschwerden
- aktive Bewegungsübungen
- dosiertes Kraft- und Ausdauertraining
- schrittweiser Aufbau von Alltagsbelastungen
- Verbesserung von Beweglichkeit und Koordination
- Unterstützung beim Umgang mit Bewegungsangst
- ein individuell angepasstes Eigenübungsprogramm
- ergänzende manuelle oder physikalische Maßnahmen
Bei einer rheumatoiden Arthritis berücksichtigen wir zusätzlich Krankheitsaktivität, Schwellungen, Überwärmung, Erschöpfung und die rheumatologische Therapie. Während eines Schubes wird die Belastung angepasst, ohne grundsätzlich jede Bewegung einzustellen.
Schmerzmittel sicher anwenden
- Nehmen Sie Medikamente nur entsprechend der ärztlichen Verordnung oder der Packungsinformation ein.
- Erhöhen Sie die Dosis nicht eigenständig.
- Kombinieren Sie nicht mehrere Präparate mit demselben Wirkstoff.
- Kombinieren Sie verschiedene NSAR nicht ohne ärztliche Rücksprache.
- Informieren Sie Arzt oder Apotheke über alle Medikamente und Nahrungsergänzungsmittel.
- Setzen Sie länger eingenommene Opioide, Kortisonpräparate oder bestimmte Medikamente gegen Nervenschmerzen nicht plötzlich eigenständig ab.
- Fragen Sie nach, wenn Sie unsicher sind, ob Sie Auto fahren oder Maschinen bedienen dürfen.
- Lassen Sie eine längerfristige Einnahme regelmäßig überprüfen.
Wann ist eine schnelle ärztliche Abklärung notwendig?
Bitte lassen Sie Beschwerden zeitnah oder sofort medizinisch beurteilen bei:
- neuer oder zunehmender Muskelschwäche
- Taubheitsgefühl im Gesäß-, Genital- oder Innenschenkelbereich
- Verlust der Kontrolle über Blase oder Darm
- Fieber, Schüttelfrost oder schwerem Krankheitsgefühl
- einem stark geröteten, heißen und geschwollenen Gelenk
- Atemnot, Brustschmerz oder Kreislaufproblemen
- schwarzem Stuhl oder Bluterbrechen
- starker Benommenheit oder ungewöhnlich langsamer Atmung
- allergischer Reaktion mit Schwellung oder Atemproblemen
- deutlich zunehmenden Beschwerden trotz Medikamenteneinnahme
Häufig gestellte Fragen
Muss ich bei einem Schmerzwert über 3 ein Schmerzmittel nehmen?
Nein. Ein einzelner Zahlenwert entscheidet nicht über die Behandlung. Ursache, Dauer, Funktion, Begleitsymptome und persönliche Risiken müssen gemeinsam betrachtet werden.
Darf ich trotz Rückenschmerzen trainieren?
In vielen Fällen ja. Die Belastung sollte an die Beschwerden angepasst und schrittweise gesteigert werden. Bei neuen Lähmungserscheinungen, Blasen- oder Darmstörungen, Fieber oder anderen Warnzeichen ist zuerst eine ärztliche Abklärung erforderlich.
Kann ich Ibuprofen und Diclofenac zusammen einnehmen?
Beides sind NSAR. Eine Kombination kann das Risiko für Nebenwirkungen erhöhen und sollte nicht ohne ärztliche Anweisung erfolgen.
Darf ich Schmerzmittel vor der Physiotherapie einnehmen?
Verordnete Medikamente können wie ärztlich vorgesehen eingenommen werden. Informieren Sie die behandelnde Physiotherapeutin oder den Physiotherapeuten darüber. Die Belastung wird nicht allein nach dem gedämpften Schmerz, sondern nach Befund und Verträglichkeit gesteuert.
Können Schmerzmittel eine rheumatoide Arthritis behandeln?
Sie können Schmerzen und teilweise Entzündungsbeschwerden lindern, kontrollieren aber die Autoimmunerkrankung nicht ausreichend. Dafür ist eine rheumatologische Basistherapie mit DMARDs erforderlich.
Sollte ich Schmerzmittel absetzen, sobald es mir besser geht?
Das hängt vom Medikament und der Einnahmedauer ab. Einige Präparate dürfen nicht plötzlich abgesetzt werden. Veränderungen sollten deshalb mit der verordnenden Ärztin oder dem verordnenden Arzt abgestimmt werden.
Wissenschaftliche Grundlage
- AWMF: S1-Handlungsempfehlung „Chronischer nicht tumorbedingter Schmerz“
- NICE: Low back pain and sciatica – Empfehlungen
- AWMF: S3-Leitlinie zur Langzeitanwendung von Opioiden – derzeit abgelaufen
- EULAR: Empfehlungen zur Behandlung der rheumatoiden Arthritis
- AWMF: S3-Leitlinie Schmerzmanagement bei geriatrischen Patientinnen und Patienten
Über die Autorin
Ines Beger ist Physiotherapeutin, Osteopathin und Heilpraktikerin in Leipzig-Böhlitz-Ehrenberg. Seit mehr als 24 Jahren begleitet sie Menschen mit akuten und chronischen Schmerzen, Beschwerden des Bewegungsapparates und funktionellen Einschränkungen. Zu ihren Schwerpunkten gehören individuell abgestimmte physiotherapeutische Behandlungskonzepte, Osteopathie, Manuelle Therapie und aktive Bewegungstherapie.
Medizinischer Hinweis: Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information. Er ersetzt keine persönliche ärztliche Untersuchung, Diagnose, Medikamentenberatung oder Verordnung. Medikamente sollten nicht aufgrund dieses Artikels begonnen, verändert oder abgesetzt werden.
Letzte Aktualisierung: 2. August 2026