Nackenverspannungen, Schmerzen im Halswirbelsäulenbereich und Schwindel treten häufig
gemeinsam auf.
Doch bedeutet das auch, dass die Halswirbelsäule den Schwindel verursacht? Eine internationale Fachgesellschaft hat die wissenschaftlichen Erkenntnisse dazu untersucht und stellt die verbreitete Erklärung des sogenannten zervikogenen Schwindels infrage.
Kann Schwindel von der Halswirbelsäule kommen?
Viele Menschen mit Schwindel berichten gleichzeitig über einen verspannten Nacken, eingeschränkte Kopfbewegungen oder Schmerzen im Bereich der Halswirbelsäule (HWS). Häufig wird vermutet, dass eine Wirbelblockade, Muskelverspannungen oder Veränderungen der Halswirbelsäule den Schwindel auslösen.
Wissenschaftlich ist dieser Zusammenhang jedoch nicht ausreichend belegt.
Schwindel kann zahlreiche Ursachen haben. Häufig sind Störungen des Gleichgewichtsorgans im Innenohr, des Gleichgewichtsnervs oder der Verarbeitung von Gleichgewichtsinformationen im Gehirn verantwortlich. Auch Migräne, Kreislaufstörungen und andere Erkrankungen können Schwindel hervorrufen.
Das gleichzeitige Auftreten von Nackenschmerzen und Schwindel beweist daher noch keinen ursächlichen Zusammenhang.
Welche unterschiedlichen Erkrankungen hinter Schwindel stecken können, erklären wir auf unserer Seite Schwindel – Ursachen und Symptome.
Was ist zervikogener Schwindel?
Der Begriff zervikogener Schwindel beschreibt die Annahme, dass Störungen im Bereich der Halswirbelsäule Schwindel auslösen können.
Eine mögliche Erklärung betrifft die sogenannte Propriozeption. Darunter versteht man die Wahrnehmung der Stellung und Bewegung des eigenen Körpers.
In der Nackenmuskulatur befinden sich zahlreiche Sinnesrezeptoren, die dem Gehirn Informationen über die Position und Bewegung des Kopfes liefern. Diese Informationen werden mit Signalen aus den Augen und dem Gleichgewichtsorgan im Innenohr verarbeitet.
Das Zusammenspiel dieser Sinnesinformationen ermöglicht es uns, Bewegungen zu koordinieren, den Blick zu stabilisieren und das Gleichgewicht zu halten.
Die Vorstellung, dass fehlerhafte Informationen aus der Halswirbelsäule zu Gleichgewichtsproblemen beitragen könnten, ist deshalb physiologisch nachvollziehbar.
Allerdings ist ein plausibler Erklärungsmechanismus noch kein wissenschaftlicher Beweis dafür, dass eine eigenständige Schwindelerkrankung durch die Halswirbelsäule entsteht.
Was sagt die Bárány Society zum Schwindel durch die HWS?
Im Jahr 2022 veröffentlichte die internationale Bárány Society eine wissenschaftliche Stellungnahme mit dem Titel The Bárány Society position on ‘Cervical Dizziness’.
Die beteiligten Wissenschaftler untersuchten die vorhandenen Erkenntnisse über einen möglichen Zusammenhang zwischen Halswirbelsäulenbeschwerden und Schwindel.
Sie kamen zu dem Ergebnis, dass überzeugende wissenschaftliche Belege für einen direkten ursächlichen Zusammenhang zwischen Beschwerden der Halswirbelsäule und einem Schwindelerleben mit scheinbarer Eigenbewegung bislang fehlen.
Auch ein zuverlässiger diagnostischer Test, mit dem sich ein zervikogener Schwindel eindeutig nachweisen ließe, steht derzeit nicht zur Verfügung.
Die Fachgesellschaft hat deshalb keine allgemein anwendbaren Diagnosekriterien für dieses Beschwerdebild festgelegt.
Die Stellungnahme bedeutet allerdings nicht, dass die Halswirbelsäule für das Gleichgewicht bedeutungslos ist. Die Informationen aus der Nackenmuskulatur sind ein wichtiger Bestandteil der Körperwahrnehmung.
Ob Störungen dieser Informationen beim Menschen tatsächlich eine eigenständige Schwindelerkrankung verursachen können, ist wissenschaftlich noch nicht abschließend geklärt.
Die entscheidende Schlussfolgerung lautet deshalb: Schwindel sollte nicht vorschnell auf Verspannungen oder vermeintliche Blockaden der Halswirbelsäule zurückgeführt werden.
Warum treten Nackenschmerzen und Schwindel häufig gemeinsam auf?
Dass beide Beschwerden gleichzeitig auftreten, kann verschiedene Gründe haben.
Menschen mit Schwindel vermeiden häufig schnelle Kopfbewegungen, weil diese unangenehme Symptome auslösen oder verstärken können. Dadurch verändern sich Bewegungsverhalten und Muskelspannung. Nackenbeschwerden können somit auch eine Folge der Schwindelerkrankung sein.
Ein weiterer Zusammenhang besteht bei der vestibulären Migräne. Sie kann sowohl Schwindel als auch Kopf- und Nackenschmerzen verursachen.
Auch beim gutartigen Lagerungsschwindel treten Beschwerden häufig während bestimmter Kopfbewegungen auf. Dadurch entsteht manchmal der Eindruck, die Halswirbelsäule sei die Ursache.
Tatsächlich werden die Beschwerden beim Lagerungsschwindel durch verlagerte kleine Kalziumkristalle im Gleichgewichtsorgan des Innenohrs ausgelöst.
Mehr dazu erfahren Sie in unserem Beitrag über den gutartigen Lagerungsschwindel.
Wer war Robert Bárány?
Die Bárány Society ist nach dem österreichischen Mediziner Robert Bárány (1876–1936) benannt.
Bárány beschäftigte sich intensiv mit der Funktionsweise des Gleichgewichtsorgans im Innenohr. Seine Forschungen trugen wesentlich dazu bei, die Zusammenhänge zwischen Gleichgewichtsorgan, Kopfbewegungen und Augenbewegungen besser zu verstehen.
Besonders bekannt wurde seine Forschung zur sogenannten kalorischen Prüfung. Dabei wird das Gleichgewichtsorgan durch Temperaturreize stimuliert. Die ausgelösten Augenbewegungen liefern Hinweise auf die Funktion des vestibulären Systems.
Dieses Untersuchungsprinzip wird in weiterentwickelter Form bis heute in der Gleichgewichtsdiagnostik verwendet.
Für seine wissenschaftlichen Leistungen erhielt Robert Bárány den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin des Jahres 1914.
Seine Arbeiten gehören zu den wichtigen Grundlagen der modernen Schwindelmedizin.
Was ist die Bárány Society?
Die 1960 gegründete Bárány Society ist eine internationale wissenschaftliche Fachgesellschaft, die sich mit Schwindel, Gleichgewichtsstörungen und Erkrankungen des vestibulären Systems beschäftigt.
Ihr gehören Fachleute aus der Neurologie, Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Neurootologie und weiteren wissenschaftlichen Disziplinen an.
Ein wesentliches Ziel der Gesellschaft besteht darin, international einheitliche Diagnosekriterien für Schwindelerkrankungen zu entwickeln.
Dadurch können Ärztinnen, Ärzte und Forschende weltweit dieselben medizinischen Begriffe verwenden und wissenschaftliche Untersuchungsergebnisse besser vergleichen.
Die Gesellschaft veröffentlicht regelmäßig wissenschaftliche Konsensusdokumente, in denen der aktuelle Forschungsstand zu einzelnen Schwindelerkrankungen bewertet wird.
Auch die Stellungnahme zum zervikogenen Schwindel gehört zu diesen Veröffentlichungen.
Was machen Neurootologen?
Die Neurootologie ist ein spezialisiertes medizinisches Fachgebiet, das sich mit dem Gleichgewichtssystem und seinen Verbindungen zum Nervensystem beschäftigt.
Neurootologisch tätige Ärztinnen und Ärzte kommen häufig aus der Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde oder der Neurologie und verfügen über besondere Kenntnisse in der Diagnostik von Schwindel- und Gleichgewichtsstörungen.
Sie untersuchen beispielsweise, ob die Ursache im Innenohr, im Gleichgewichtsnerv oder in der Verarbeitung von Gleichgewichtsinformationen im Gehirn liegt.
Dazu stehen verschiedene Untersuchungsverfahren zur Verfügung, darunter Lagerungsprüfungen, die Beobachtung der Augenbewegungen, der Video-Kopfimpulstest und kalorische Untersuchungen des Gleichgewichtsorgans.
Auch Stand- und Ganguntersuchungen können wichtige Hinweise liefern.
Eine differenzierte Diagnostik ist besonders wichtig, weil unterschiedliche Schwindelerkrankungen ganz unterschiedliche Behandlungen erfordern.
Schwindelforschung und spezialisierte Diagnostik in Deutschland
Deutschland verfügt über international anerkannte Forschungsgruppen und spezialisierte medizinische Einrichtungen für Schwindel- und Gleichgewichtsstörungen.
Zu den bekannten Wissenschaftlern gehören Prof. Dr. Michael Strupp von der Ludwig-Maximilians-Universität München und der Neurologe Prof. Dr. Thomas Lempert aus Berlin.
Beide waren an der wissenschaftlichen Stellungnahme der Bárány Society zum zervikogenen Schwindel beteiligt.
Eine bedeutende Einrichtung ist das Deutsche Schwindel- und Gleichgewichtszentrum am LMU Klinikum München. Dort werden Schwindelerkrankungen fachübergreifend erforscht, diagnostiziert und behandelt.
Welche Einrichtung für Betroffene geeignet ist, hängt jedoch von der vermuteten Ursache und den erforderlichen Untersuchungen ab.
Schwindeldiagnostik in Leipzig und Halle
Auch in Mitteldeutschland gibt es universitätsmedizinische Einrichtungen mit Möglichkeiten zur spezialisierten Gleichgewichtsdiagnostik.
Am Universitätsklinikum Leipzig werden unter anderem im Bereich der Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde sowie der Phoniatrie und Audiologie Hör- und Gleichgewichtsstörungen untersucht.
Zum diagnostischen Spektrum gehören beispielsweise Lagerungsuntersuchungen, kalorische Prüfungen und weitere Untersuchungen des vestibulären Systems.
An der Universitätsklinik für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde in Halle (Saale) gehört die Differenzialdiagnostik von Gleichgewichtsstörungen ebenfalls zum medizinischen Leistungsspektrum.
Bei komplexen oder ungeklärten Schwindelbeschwerden kann eine spezialisierte neurologische oder HNO-ärztliche Abklärung sinnvoll sein.
Nicht jede Einrichtung bietet dieselben Untersuchungen oder eine eigenständige Schwindelsprechstunde an. Deshalb sollten die jeweiligen Untersuchungs- und Terminmöglichkeiten vorab direkt erfragt werden.
Welche Rolle spielt die Physiotherapie bei Schwindel?
Die Physiotherapie kann bei verschiedenen Schwindelerkrankungen einen wichtigen Beitrag zur Behandlung leisten.
Welche Maßnahmen sinnvoll sind, richtet sich nach der Ursache der Beschwerden.
Beim gutartigen Lagerungsschwindel werden beispielsweise spezielle Repositionsmanöver eingesetzt, um die verlagerten Kristalle im Gleichgewichtsorgan wieder in eine geeignete Position zu bewegen.
Bei einer vestibulären Hypofunktion ist die Funktion eines oder beider Gleichgewichtsorgane vermindert. Hier können gezielte Übungen zur Blickstabilisierung, Gleichgewichtsschulung und Bewegungsanpassung helfen.
Auch die Sicherheit beim Gehen, Drehen und bei alltäglichen Bewegungen kann durch eine individuell angepasste vestibuläre Rehabilitation verbessert werden.
Bestehen gleichzeitig Nackenschmerzen, können diese ebenfalls physiotherapeutisch behandelt werden.
Dabei ist jedoch wichtig, zwischen der Behandlung der Halswirbelsäulenbeschwerden und der gezielten Behandlung der eigentlichen Schwindelursache zu unterscheiden.
Eine Besserung des Schwindels nach einer Nackenbehandlung ist allein noch kein Beweis dafür, dass die Halswirbelsäule den Schwindel verursacht hat.
Weitere Informationen finden Sie auf unserer Seite zur Schwindeltherapie in Leipzig.
Wann sollte Schwindel ärztlich abgeklärt werden?
Neu auftretender, wiederkehrender oder anhaltender Schwindel sollte ärztlich untersucht werden.
Besonders wichtig ist eine sofortige medizinische Abklärung bei plötzlich einsetzendem, starkem und anhaltendem Schwindel.
Treten zusätzlich Sprachstörungen, Doppelbilder, Lähmungen, ungewöhnlich starke Kopf- oder Nackenschmerzen oder eine ausgeprägte neue Stand- und Gangunsicherheit auf, sollte unverzüglich der Rettungsdienst unter 112 verständigt werden.
Auch ohne diese Begleitsymptome kann plötzlich einsetzender, anhaltender Schwindel eine ernsthafte Ursache haben.
Fazit: Nicht jeder Schwindel mit Nackenschmerzen kommt von der HWS
Die wissenschaftliche Stellungnahme der Bárány Society zeigt, dass die verbreitete Erklärung eines durch die Halswirbelsäule verursachten Schwindels kritisch betrachtet werden muss.
Für einen direkten ursächlichen Zusammenhang fehlen bislang überzeugende wissenschaftliche Belege. Gleichzeitig ist die Bedeutung der Nackenpropriozeption für das Gleichgewicht bekannt und bleibt ein wichtiges Forschungsgebiet.
Schwindel und Nackenschmerzen können gemeinsam auftreten, ohne dass die Halswirbelsäule die eigentliche Ursache des Schwindels ist.
Für Betroffene ist deshalb eine sorgfältige Diagnostik entscheidend. Nur wenn die Beschwerden richtig eingeordnet werden, können geeignete Behandlungsmaßnahmen ausgewählt werden.
Wissenschaftliche Quellen
Seemungal et al. (2022): The Bárány Society position on Cervical Dizziness
Bárány Society – Internationale Fachgesellschaft für Gleichgewichtsforschung
Robert Bárány – Nobelpreis für Medizin 1914
DEGAM – Leitlinie Schwindel in der Hausarztpraxis
Weiterführende Einrichtungen
Universitätsklinikum Leipzig – Phoniatrie und Audiologie
Deutsches Schwindel- und Gleichgewichtszentrum München
Medizinischer Hinweis
Dieser Artikel dient ausschließlich der allgemeinen Gesundheitsinformation und ersetzt keine individuelle ärztliche Untersuchung, Diagnose oder medizinische Beratung. Schwindel kann unterschiedliche, auch ernsthafte Ursachen haben. Neu auftretende, anhaltende oder sich verändernde Beschwerden sollten ärztlich abgeklärt werden. Bei plötzlich einsetzendem Schwindel mit neurologischen Ausfällen oder anderen Warnzeichen verständigen Sie bitte umgehend den Rettungsdienst unter 112.
Autorin
Ines Beger – Physiotherapeutin, Osteopathin und Heilpraktikerin in Leipzig-Böhlitz-Ehrenberg. Langjährige Erfahrung in der physiotherapeutischen Behandlung von Menschen mit Schwindel und Gleichgewichtsstörungen, insbesondere bei gutartigem Lagerungsschwindel.
Zuletzt aktualisiert: 5. November 2026