MRT-Aufnahmen eines Ellenbogens zur Beurteilung von Schmerzen und Beschwerden

Ein auffälliger MRT- oder Röntgenbefund bedeutet nicht automatisch starke Schmerzen – und umgekehrt

können deutliche Beschwerden bestehen, obwohl die Bildgebung kaum Veränderungen zeigt. Warum Bilder allein oft nicht die ganze Geschichte erzählen und wie Befunde richtig eingeordnet werden sollten, erfahren Sie in diesem Beitrag.

„Da ist Verschleiß zu sehen.“
„Die Bandscheibe ist vorgewölbt.“
„Im MRT wurde eine Arthrose festgestellt.“

Solche Aussagen können zunächst beunruhigen. Wer Schmerzen hat und anschließend auf einem MRT- oder Röntgenbild eine Veränderung sieht, vermutet verständlicherweise schnell: Das muss die Ursache meiner Schmerzen sein.

Doch so eindeutig ist der Zusammenhang häufig nicht.

Bildgebende Verfahren wie Röntgen, Computertomografie (CT) und Magnetresonanztomografie (MRT) sind wichtige Bestandteile der medizinischen Diagnostik. Sie können Veränderungen an Knochen, Gelenken, Bandscheiben und anderen Strukturen sichtbar machen.

Ein Bild allein kann jedoch nicht immer erklären, warum ein Mensch Schmerzen hat, wie stark diese sind und wie sehr sie ihn im Alltag beeinträchtigen.

Was können MRT und Röntgen überhaupt zeigen?

Je nach Fragestellung kommen unterschiedliche bildgebende Verfahren zum Einsatz.

Ein Röntgenbild stellt vor allem knöcherne Strukturen dar. Es kann beispielsweise Veränderungen bei Arthrose, Fehlstellungen oder Knochenbrüche sichtbar machen.

Ein MRT ermöglicht dagegen eine detailliertere Darstellung von Weichteilen. Dazu gehören beispielsweise Bandscheiben, Muskeln, Bänder, Nerven und andere Strukturen.

Das kann bei bestimmten Fragestellungen sehr wichtig sein.

Trotzdem bleibt eine entscheidende Einschränkung:

Ein Bild zeigt eine Struktur – aber nicht automatisch die Ursache eines Schmerzes.

Veränderungen im MRT gibt es auch ohne Schmerzen

Besonders gut untersucht ist dieser Zusammenhang an der Wirbelsäule.

Eine große systematische Übersichtsarbeit zu MRT- und CT-Befunden bei Menschen ohne Rückenschmerzen untersuchte 3.110 beschwerdefreie Personen.

Die Ergebnisse sind bemerkenswert:

Bei den 20-Jährigen hatten bereits etwa 30 Prozent eine Bandscheibenwölbung. Bei den 50-Jährigen waren es rund 60 Prozent und bei den 80-Jährigen etwa 84 Prozent.

Auch sogenannte degenerative Veränderungen der Bandscheiben wurden häufig bei Menschen gefunden, die überhaupt keine Schmerzen hatten.

Das bedeutet nicht, dass solche Veränderungen grundsätzlich bedeutungslos sind. Es zeigt aber:

Eine sichtbare Veränderung ist nicht automatisch die Ursache der aktuellen Beschwerden.

Deshalb sollten MRT- oder Röntgenbefunde immer zusammen mit den Beschwerden, der körperlichen Untersuchung und dem bisherigen Verlauf betrachtet werden.

Bedeutet das, dass ein MRT-Befund unwichtig ist?

Nein.

Das wäre die falsche Schlussfolgerung.

Bestimmte Veränderungen treten bei Menschen mit Beschwerden tatsächlich häufiger auf als bei beschwerdefreien Menschen. Eine weitere systematische Übersichtsarbeit und Metaanalyse zu MRT-Befunden der Lendenwirbelsäule zeigte beispielsweise, dass verschiedene degenerative Veränderungen bei Erwachsenen mit Rückenschmerzen häufiger vorkamen als bei Menschen ohne Rückenschmerzen.

Entscheidend ist deshalb nicht die Frage:

„Ist auf dem Bild etwas zu sehen?“

Sondern vielmehr:

„Passt das, was wir auf dem Bild sehen, zu den Beschwerden und zu den Ergebnissen der Untersuchung?“

Genau diese Einordnung ist wichtig.

Ein Bandscheibenvorfall im MRT muss nicht automatisch Schmerzen verursachen

Ein gutes Beispiel dafür ist der Bandscheibenvorfall.

Bandscheibengewebe kann sich vorwölben oder austreten und dabei eine Nervenwurzel reizen. Dann können typische Beschwerden entstehen, beispielsweise ausstrahlende Schmerzen, Kribbeln, Taubheitsgefühle oder Kraftverlust.

Aber nicht jeder im MRT sichtbare Bandscheibenvorfall verursacht Beschwerden.

Deshalb reicht der Satz „Sie haben einen Bandscheibenvorfall“ allein nicht aus, um die Beschwerden eines Menschen vollständig zu erklären.

Bei Ischias und Ischialgie ist beispielsweise entscheidend, ob die Ausstrahlung, die neurologische Untersuchung und der bildgebende Befund zueinander passen.

Auch bei Arthrose passen Bild und Beschwerden nicht immer zusammen

Ein ähnlicher Zusammenhang zeigt sich bei Gelenkverschleiß.

Bei einer Gonarthrose (Kniearthrose) können im Röntgenbild deutliche Veränderungen sichtbar sein, während ein Mensch nur geringe Beschwerden hat.

Umgekehrt können Menschen starke Knieschmerzen und deutliche Einschränkungen erleben, obwohl im Röntgenbild nur vergleichsweise geringe Veränderungen sichtbar sind.

Deshalb richtet sich eine Behandlung nicht ausschließlich danach, wie ein Gelenk auf einem Bild aussieht.

Wichtig sind auch:

  • Schmerzen

  • Beweglichkeit

  • Muskelkraft

  • Belastbarkeit

  • Einschränkungen im Alltag

  • persönliche Ziele

  • Begleiterkrankungen

  • Verlauf der Beschwerden

Das Bild ist also ein Teil des Puzzles – aber nicht das gesamte Puzzle.

Warum können Menschen trotz ähnlicher Bilder unterschiedlich starke Schmerzen haben?

Schmerz entsteht nicht ausschließlich dort, wo eine Struktur verändert ist.

Unser Nervensystem verarbeitet ständig Informationen aus Muskeln, Gelenken, Nerven und anderen Geweben. Gleichzeitig beeinflussen viele weitere Faktoren, wie Schmerzen wahrgenommen werden.

Dazu können unter anderem gehören:

  • körperliche Belastung

  • Bewegungsverhalten

  • Muskelkraft und Belastbarkeit

  • frühere Verletzungen

  • Schlaf

  • Stress

  • Sorgen und Ängste

  • Erfahrungen mit früheren Schmerzen

  • die Empfindlichkeit des Nervensystems

Deshalb können zwei Menschen mit einem sehr ähnlichen MRT-Befund völlig unterschiedliche Beschwerden haben.

Das bedeutet ausdrücklich nicht, dass Schmerzen „nur psychisch“ oder eingebildet sind.

Schmerzen sind real.

Es bedeutet vielmehr, dass Schmerz ein komplexes biologisches Warn- und Schutzsystem unseres Körpers ist und nicht allein anhand eines Bildes beurteilt werden kann.

Wie beispielsweise Stress Schmerzen verstärken kann, haben wir bereits in einem eigenen Beitrag erklärt.

Auch schlechter Schlaf und Schmerzen können sich gegenseitig beeinflussen.

Warum können Befundberichte manchmal Angst machen?

Radiologische Befundberichte müssen Veränderungen möglichst genau beschreiben. Dabei kommen medizinische Begriffe wie „Degeneration“, „Protrusion“, „Arthrose“, „Signalverlust“ oder „Verschleiß“ zum Einsatz.

Für Patientinnen und Patienten können solche Formulierungen sehr bedrohlich klingen.

Wer liest, dass seine Wirbelsäule „degenerativ verändert“ ist, kann schnell den Eindruck bekommen, der Rücken sei dauerhaft geschädigt oder besonders empfindlich.

Dabei können bestimmte altersabhängige Veränderungen auch bei Menschen vorkommen, die vollkommen beschwerdefrei und körperlich aktiv sind.

Ein Befund sollte deshalb nicht isoliert gelesen werden. Entscheidend ist seine medizinische Einordnung im Zusammenhang mit den tatsächlichen Beschwerden.

Wann ist Bildgebung wichtig?

Bildgebung ist keineswegs überflüssig.

Es gibt Situationen, in denen Röntgen, MRT oder CT für die weitere Diagnostik und Behandlung sehr wichtig sein können.

Dazu gehören – abhängig von der individuellen Situation – beispielsweise:

  • Verdacht auf einen Knochenbruch

  • relevante Verletzungen

  • zunehmende neurologische Ausfälle

  • Verdacht auf bestimmte entzündliche Erkrankungen

  • Verdacht auf Infektionen

  • Verdacht auf Tumorerkrankungen

  • bestimmte anhaltende oder ungewöhnliche Beschwerdeverläufe

  • Planung bestimmter operativer Eingriffe

Bei Rückenbeschwerden sind insbesondere neu auftretende deutliche Lähmungserscheinungen, zunehmende Muskelschwäche oder Störungen der Blasen- und Darmfunktion Warnzeichen, die rasch ärztlich abgeklärt werden müssen.

Die Entscheidung, ob und welche Bildgebung erforderlich ist, gehört deshalb in ärztliche Hände.

Braucht jeder Mensch mit Rückenschmerzen ein MRT?

Nein.

Internationale Leitlinien empfehlen bei unkomplizierten Rückenschmerzen keine routinemäßige Bildgebung.

Der Grund dafür ist nicht, dass MRT oder Röntgen schlechte Untersuchungsmethoden wären. Vielmehr ist eine Bildgebung vor allem dann sinnvoll, wenn aufgrund der Beschwerden und Untersuchung eine konkrete Fragestellung besteht und das Ergebnis voraussichtlich Konsequenzen für die weitere Behandlung hat.

Auch die NICE-Leitlinie zu Rückenschmerzen und Ischias empfiehlt, bei Rückenschmerzen mit oder ohne Ischias in der nicht spezialisierten Versorgung nicht routinemäßig bildgebende Untersuchungen durchzuführen.

Bei Verdacht auf eine ernsthafte Ursache sieht die Situation selbstverständlich anders aus.

Was bedeutet das für die Physiotherapie?

In der Physiotherapie bei Rücken- und Wirbelsäulenbeschwerden betrachten wir vorhandene ärztliche Diagnosen und bildgebende Befunde als wichtige Informationen.

Sie sind jedoch nicht die einzigen Informationen.

Für die physiotherapeutische Untersuchung interessiert uns beispielsweise:

  • Wo treten die Schmerzen auf?

  • Seit wann bestehen sie?

  • Welche Bewegungen verbessern oder verstärken sie?

  • Gibt es eine Ausstrahlung?

  • Wie beweglich ist die betroffene Region?

  • Wie ist die Muskelkraft?

  • Wie belastbar ist der Patient im Alltag?

  • Gibt es Kribbeln, Taubheitsgefühle oder Kraftverluste?

  • Welche Aktivitäten sind aufgrund der Beschwerden nicht mehr möglich?

  • Welche Ziele möchte der Patient erreichen?

Erst aus diesen Informationen ergibt sich ein umfassenderes Bild.

Unser Ziel ist deshalb nicht, ein MRT-Bild zu behandeln, sondern Beweglichkeit, Kraft, Funktion und Belastbarkeit des Menschen zu verbessern.

Darf ich mich trotz „Verschleiß“ oder Bandscheibenveränderungen bewegen?

In vielen Fällen: ja.

Ein bildgebender Befund bedeutet nicht automatisch, dass eine Körperregion geschont werden muss.

Bei vielen Beschwerden des Bewegungsapparates ist angemessen dosierte Bewegung sogar ein wichtiger Bestandteil der Behandlung.

Dabei geht es nicht darum, Schmerzen zu ignorieren oder sich „durch den Schmerz hindurch“ zu zwingen. Die Belastung sollte zur individuellen Situation passen und schrittweise angepasst werden.

Warum Bewegung bei vielen Beschwerden so wichtig ist, erklären wir ausführlicher in unserem Beitrag Warum Bewegung oft die bessere Medizin ist.

Was sollten Sie aus einem MRT- oder Röntgenbefund mitnehmen?

Wenn Sie einen radiologischen Befund erhalten, lassen Sie sich von einzelnen Begriffen zunächst nicht verunsichern.

Hilfreicher sind Fragen wie:

  • Passt der Befund zu meinen Beschwerden?

  • Welche Veränderungen sind möglicherweise altersüblich?

  • Welche Befunde sind tatsächlich medizinisch relevant?

  • Welche Konsequenzen ergeben sich daraus für meine Behandlung?

  • Was darf und soll ich weiterhin tun?

  • Welche Bewegungen oder Übungen sind für mich sinnvoll?

Gerade bei länger bestehenden Beschwerden ist es wichtig, nicht nur das Bild, sondern den ganzen Menschen zu betrachten.

Weitere Informationen zu einzelnen Krankheitsbildern wie Bandscheibenbeschwerden, Arthrose, Spinalkanalstenose oder Wirbelgleiten finden Sie in unserer Übersicht Diagnosen und Beschwerden.

Was sagt die Wissenschaft?

Eine häufig zitierte systematische Übersichtsarbeit von Brinjikji und Kollegen untersuchte bildgebende Befunde der Wirbelsäule bei 3.110 Menschen ohne Schmerzen.

Dabei zeigte sich, dass degenerative Veränderungen mit zunehmendem Lebensalter sehr häufig werden. Eine Bandscheibendegeneration fand sich beispielsweise bei etwa 37 Prozent der beschwerdefreien 20-Jährigen und bei 96 Prozent der beschwerdefreien 80-Jährigen. Bandscheibenwölbungen wurden bei etwa 30 Prozent der 20-Jährigen und 84 Prozent der 80-Jährigen festgestellt.

Die Autoren betonen deshalb, dass solche Befunde immer im Zusammenhang mit der klinischen Situation interpretiert werden müssen.

Gleichzeitig zeigen andere Untersuchungen, dass bestimmte MRT-Veränderungen bei Menschen mit Rückenschmerzen häufiger auftreten als bei beschwerdefreien Personen.

Beide Erkenntnisse widersprechen sich nicht.

Sie zeigen vielmehr, warum eine differenzierte Betrachtung notwendig ist:

Bildgebende Befunde können relevant sein – sie erklären Schmerzen aber nicht automatisch und nicht vollständig.

Fazit

MRT, CT und Röntgen sind wertvolle diagnostische Verfahren. Sie ermöglichen einen Blick auf Strukturen, den eine körperliche Untersuchung allein nicht bieten kann.

Doch ein Bild erzählt nicht die ganze Geschichte.

Veränderungen wie Bandscheibenwölbungen, degenerative Veränderungen oder Arthrose können auch bei Menschen vorkommen, die keine Schmerzen haben. Gleichzeitig können erhebliche Beschwerden bestehen, ohne dass die Bildgebung eine eindeutige Erklärung liefert.

Deshalb sollten Bildgebung, Beschwerden, körperliche Untersuchung und Verlauf immer gemeinsam betrachtet werden.

Für Patientinnen und Patienten bedeutet das auch: Ein auffälliger MRT- oder Röntgenbefund ist nicht automatisch ein Grund, Bewegung zu vermeiden oder dem eigenen Körper weniger zuzutrauen.

Entscheidend ist, was der Befund für Ihre individuelle Situation tatsächlich bedeutet.

Wissenschaftliche Quellen und weiterführende Informationen

Brinjikji W. et al.: Systematic Literature Review of Imaging Features of Spinal Degeneration in Asymptomatic Populations. American Journal of Neuroradiology, 2015.

Brinjikji W. et al.: MRI Findings of Disc Degeneration are More Prevalent in Adults with Low Back Pain than in Asymptomatic Controls. American Journal of Neuroradiology, 2015.

NICE: Low back pain and sciatica in over 16s – Recommendations.

NICE: Osteoarthritis in over 16s – Diagnosis and management.

Über die Autorin

Ines Beger
Physiotherapeutin · Heilpraktikerin · Osteopathin

Ines Beger ist Praxisinhaberin der Physiotherapiepraxis Ines Beger in Leipzig-Böhlitz-Ehrenberg. Gemeinsam mit ihrem Team verbindet sie physiotherapeutische Untersuchung und Behandlung mit einer individuellen Betrachtung der Beschwerden, der körperlichen Funktion und der persönlichen Belastbarkeit.

Weitere Informationen zu verschiedenen Krankheitsbildern finden Sie unter Diagnosen und Beschwerden.

Medizinischer Hinweis

Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche oder physiotherapeutische Untersuchung, Diagnose oder Behandlung. Ob eine bildgebende Untersuchung erforderlich ist und wie ein vorhandener Befund medizinisch zu bewerten ist, muss individuell entschieden werden. Bei neu auftretenden Lähmungserscheinungen, zunehmender Muskelschwäche, Störungen der Blasen- oder Darmfunktion, starken Beschwerden nach einem Unfall oder anderen ungewöhnlichen beziehungsweise rasch zunehmenden Symptomen sollte eine zeitnahe beziehungsweise dringende ärztliche Abklärung erfolgen.

Zuletzt aktualisiert: 6. Oktober 2026