Multiple Sklerose
Multiple Sklerose, kurz MS, ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems.
Dabei richtet sich das Immunsystem gegen Bestandteile der schützenden Myelinschicht und teilweise auch gegen Nervenfasern. Die Weiterleitung von Nervenimpulsen kann dadurch gestört werden.
Welche Beschwerden auftreten und wie sich die Erkrankung entwickelt, ist sehr unterschiedlich. Deshalb wird MS auch als „Krankheit mit den tausend Gesichtern“ bezeichnet. MS ist derzeit nicht heilbar. Moderne Immuntherapien, die Behandlung einzelner Symptome, Rehabilitation und regelmäßige Bewegung können den Verlauf und den Alltag jedoch günstig beeinflussen.
Welche Beschwerden können bei MS auftreten?
Mögliche Symptome sind:
- Muskelschwäche oder schnelle muskuläre Ermüdung
- Gang-, Koordinations- und Gleichgewichtsstörungen können sich unter anderem als Ataxie zeigen
- erhöhte Muskelspannung oder Spastik
- Kribbeln, Taubheitsgefühle oder Schmerzen
- Seh- und Augenbewegungsstörungen
- Fatigue, also eine ausgeprägte körperliche oder geistige Erschöpfbarkeit
- Blasen-, Darm- oder Sexualfunktionsstörungen
- Schwindel
- Schwierigkeiten beim Sprechen oder Schlucken
- Konzentrations- und Gedächtnisprobleme
- depressive Beschwerden
Nicht alle Beschwerden treten gleichzeitig auf. Symptome können sich im Verlauf verändern und auch unabhängig von der im MRT sichtbaren Krankheitsaktivität unterschiedlich stark auf den Alltag auswirken.
Wie wird Multiple Sklerose festgestellt?
Die Diagnose wird neurologisch gestellt. Grundlage sind die Krankengeschichte und eine körperlich-neurologische Untersuchung. Je nach Situation kommen eine Magnetresonanztomografie von Gehirn und Rückenmark, eine Untersuchung des Nervenwassers und weitere Tests hinzu. Gleichzeitig müssen andere mögliche Ursachen der Beschwerden ausgeschlossen werden.
Ein einzelnes Symptom oder ein auffälliger MRT-Befund allein beweist noch keine MS. Neu auftretende neurologische Beschwerden sollten deshalb ärztlich abgeklärt werden.
Welche Verlaufsformen gibt es?
Bei der schubförmigen MS treten neue oder deutlich verstärkte neurologische Beschwerden in zeitlich abgrenzbaren Schüben auf. Zwischen den Schüben können sich Symptome teilweise oder vollständig zurückbilden. Bei progressiven Verlaufsformen nehmen Einschränkungen eher schleichend zu. Der individuelle Verlauf lässt sich nicht sicher vorhersagen und kann sich im Laufe der Erkrankung verändern.
Was ist ein MS-Schub?
Ein MS-Schub bezeichnet neue oder deutlich verstärkte neurologische Beschwerden, die typischerweise mindestens 24 Stunden anhalten, mit ausreichendem Abstand zu einem vorausgegangenen Schub auftreten und nicht durch Fieber, Infekt oder eine erhöhte Körpertemperatur erklärt werden. Die Einordnung erfolgt neurologisch.
Wärme, körperliche Anstrengung, Schlafmangel oder ein Infekt können bereits bekannte Symptome vorübergehend verstärken. Diese meist reversible Verschlechterung wird häufig als Pseudoschub beziehungsweise Uhthoff-Phänomen bezeichnet. Sie bedeutet nicht automatisch, dass neue Entzündungsherde entstanden sind. Neue, ungewohnte oder anhaltende Beschwerden sollten dennoch zeitnah mit der neurologischen Praxis besprochen werden.
Wie wird Multiple Sklerose behandelt?
Die Behandlung besteht aus mehreren Bausteinen:
- Behandlung eines akuten Schubs
- verlaufsmodifizierende Immuntherapie
- gezielte Behandlung einzelner Symptome
- Physiotherapie, Ergotherapie und bei Bedarf Logopädie
- Hilfsmittelversorgung
- ambulante oder stationäre neurologische Rehabilitation
- Beratung zu Bewegung, Alltag, Beruf und Selbstmanagement
Welche Behandlung geeignet ist, richtet sich unter anderem nach Verlaufsform, Krankheitsaktivität, Beschwerden, Begleiterkrankungen und persönlichen Zielen. Medikamente werden neurologisch verordnet und überwacht. Physiotherapie ersetzt die medikamentöse Behandlung nicht, ergänzt sie aber bei funktionellen Einschränkungen.
Wie kann Physiotherapie bei Multipler Sklerose helfen?
Zu Beginn untersuchen wir unter anderem Beweglichkeit, Muskelkraft, Koordination, Gleichgewicht, Gangbild, Ausdauer und alltagsrelevante Bewegungsabläufe. Auch Fatigue, Sturzrisiko, Hilfsmittel und persönliche Ziele werden berücksichtigt.
Je nach Befund können folgende Inhalte sinnvoll sein:
- Gang- und Gleichgewichtstraining
- Kraft- und Ausdauertraining
- Koordinationsübungen
- aufgabenbezogenes Training für Alltag, Treppen und Transfers
- Strategien bei Spastik und eingeschränkter Beweglichkeit
- Atemtherapie bei entsprechender Einschränkung
- Sturzprävention und Training sicherer Aufstehstrategien
- Erprobung und Anpassung von Gehhilfen
- Anleitung von Angehörigen
- individuell dosiertes Heimübungsprogramm
Wir verbinden funktionelles Training mit geeigneten neurologischen Behandlungskonzepten wie Bobath, PNF oder N.A.P. Entscheidend ist nicht der Name einer einzelnen Methode, sondern ob die Maßnahmen zu Ihren Beschwerden und Zielen passen. Mehr über Befundung, KG-ZNS, unser Team und mögliche Hausbesuche erfahren Sie auf unserer Seite zur neurologischen Physiotherapie.
Damit wir Ihre Beschwerden, Ihre Mobilität und Ihre persönlichen Therapieziele besser einschätzen können, bringen Sie bitte unseren ausgefüllten Fragebogen für neurologische Behandlungen zu Ihrem ersten Termin mit.
Bewegung und Training bei MS
Menschen mit MS dürfen und sollen körperlich aktiv sein. Individuell angepasstes Kraft-, Ausdauer-, Gleichgewichts- und Koordinationstraining kann Mobilität, körperliche Leistungsfähigkeit und Lebensqualität verbessern. Training löst nach heutigem Kenntnisstand keinen MS-Schub aus.
Sinnvoll sind regelmäßige, gut dosierbare Einheiten. Intensität und Dauer richten sich nach der aktuellen Leistungsfähigkeit. Bei stärkerer Ermüdung können kürzere Einheiten, Pausen oder ein Intervalltraining besser verträglich sein als ein langes Training am Stück. Eine vorübergehende Zunahme bekannter Beschwerden während der Belastung ist nicht automatisch gefährlich; sie sollte sich nach Abkühlung und Erholung wieder zurückbilden.
Was hilft bei Fatigue?
Fatigue ist mehr als normale Müdigkeit. Sie kann körperliche und geistige Aktivitäten deutlich erschweren. Hilfreich können sein:
- wichtige Aufgaben in leistungsfähigere Tageszeiten legen
- Aktivitäten planen und über den Tag verteilen
- Pausen frühzeitig einbauen, statt erst bei völliger Erschöpfung
- regelmäßige Bewegung und dosiertes Ausdauertraining
- Überhitzung vermeiden, wenn Wärme die Beschwerden verstärkt
- Schlaf, Schmerzen, Medikamente, Stimmung und mögliche Begleiterkrankungen ärztlich prüfen lassen
Eine pauschale vollständige Schonung ist meist nicht sinnvoll. Gemeinsam erproben wir, welche Belastungsmenge Sie fordert, ohne Sie dauerhaft zu überfordern.
Wärmeempfindlichkeit und Uhthoff-Phänomen
Wärme oder eine erhöhte Körpertemperatur können bereits bekannte Beschwerden vorübergehend verstärken; dies wird als Uhthoff-Phänomen bezeichnet. Auch ein Infekt oder andere körperliche Belastungen können bekannte Symptome ohne neue Entzündungsaktivität vorübergehend verschlechtern; häufig wird dann von einem Pseudoschub gesprochen. Dann können Training in einer kühleren Umgebung, luftige Kleidung, Getränke, Pausen und eine geringere Belastungsdauer helfen. Auch Wassersport kann geeignet sein, sofern Wassertemperatur, Ein- und Ausstieg sowie die individuelle Sicherheit berücksichtigt werden.
Das Uhthoff-Phänomen verursacht normalerweise keine bleibende Schädigung. Beschwerden, die neu sind, nach Abkühlung nicht zurückgehen oder mit weiteren Krankheitssymptomen auftreten, sollten jedoch neurologisch abgeklärt werden.
Spastik und Bewegung
Spastik kann Bewegungen erschweren, Schmerzen verursachen oder den Schlaf beeinträchtigen. Manchmal unterstützt eine erhöhte Muskelspannung aber auch das Stehen oder Umsetzen. Ziel ist deshalb nicht immer, jede Muskelspannung vollständig zu senken. Bewegung, Lagerung, Dehnung, funktionelles Training, Hilfsmittel und Medikamente werden individuell aufeinander abgestimmt. Eine plötzliche Zunahme der Spastik kann unter anderem durch Schmerzen, Druckstellen, Verstopfung oder einen Harnwegsinfekt ausgelöst werden und sollte bei unklarer Ursache ärztlich geprüft werden.
Stürze und Hilfsmittel
Bei Gang- oder Gleichgewichtsstörungen können ein gezieltes Gleichgewichtstraining, Krafttraining und Anpassungen im häuslichen Umfeld das Sturzrisiko verringern. Gehstock, Unterarmgehstützen, Rollator oder Orthesen sind keine Niederlage, sondern können Sicherheit und selbstständige Aktivität ermöglichen. Hilfsmittel sollten passend eingestellt und ihr Gebrauch geübt werden.
Wann ist eine neurologische Rehabilitation sinnvoll?
Eine ambulante oder stationäre Rehabilitation kann beispielsweise bei neuen oder zunehmenden funktionellen Einschränkungen, nach einem Schub, bei Schwierigkeiten im Alltag oder Beruf sowie zur Anpassung von Hilfsmitteln sinnvoll sein. Dort arbeiten verschiedene Berufsgruppen gemeinsam an individuell vereinbarten Zielen. Die neurologische Praxis kann beraten und eine Rehabilitation anstoßen.
Wann sollten Beschwerden rasch ärztlich abgeklärt werden?
Kontaktieren Sie zeitnah Ihre neurologische Praxis, wenn neue oder deutlich verstärkte neurologische Beschwerden länger anhalten oder Sie einen Schub vermuten. Sofortige medizinische Hilfe ist unter anderem notwendig bei:
- plötzlich auftretender einseitiger Lähmung, Sprachstörung oder Gesichtslähmung
- akuter schwerer Atemnot
- plötzlich starker Bewusstseinsstörung
- erstmaligem Krampfanfall
- ausgeprägter Schluckstörung mit Luftnot
- plötzlichem Verlust der Gehfähigkeit oder rasch zunehmender Schwäche
Solche Beschwerden können auch andere akute Ursachen als MS haben. Im Zweifel wählen Sie den ärztlichen Bereitschaftsdienst unter 116117 oder bei einem Notfall 112.
Häufig gestellte Fragen
Ist Multiple Sklerose heilbar?
MS ist derzeit nicht heilbar. Verlaufsmodifizierende Medikamente können die Krankheitsaktivität jedoch beeinflussen. Die Behandlung einzelner Symptome, Rehabilitation, Physiotherapie und regelmäßige Bewegung können Funktionen, Selbstständigkeit und Lebensqualität unterstützen.
Darf ich mit Multipler Sklerose Sport treiben?
Ja. Regelmäßige, individuell angepasste Bewegung ist ein wichtiger Teil der Behandlung. Geeignet sind beispielsweise Kraft- und Ausdauertraining, Gleichgewichtsübungen, Radfahren, Walking oder Wassersport. Auswahl und Dosierung richten sich nach Beschwerden, Tagesform und Sicherheit.
Kann Sport einen MS-Schub auslösen?
Nach aktuellem Kenntnisstand löst angemessen dosiertes Training keinen MS-Schub aus. Wärme oder Anstrengung können bekannte Beschwerden vorübergehend verstärken. Gehen sie nach Abkühlung und Erholung zurück, spricht dies eher für ein Uhthoff-Phänomen. Neue oder anhaltende Symptome sollten neurologisch beurteilt werden.
Wie oft ist Physiotherapie bei MS sinnvoll?
Das lässt sich nicht pauschal festlegen. Häufigkeit und Dauer richten sich nach den aktuellen Einschränkungen, den Therapiezielen, dem Verlauf und der ärztlichen Verordnung. Wichtig ist, dass die Behandlung durch regelmäßige, passend dosierte Aktivität im Alltag ergänzt wird.
Was kann Physiotherapie gegen Spastik tun?
Physiotherapie kann Bewegungsabläufe, Lagerung, Beweglichkeit und den Umgang mit erhöhter Muskelspannung verbessern. Je nach Befund werden aktive Bewegung, funktionelles Training, Dehnungen, Hilfsmittel und Angehörigenanleitung kombiniert. Bei ausgeprägter Spastik ist häufig eine zusätzliche ärztliche Behandlung notwendig.
Was kann ich bei MS-bedingter Fatigue tun?
Hilfreich können ein planvoller Wechsel von Aktivität und Pause, regelmäßige Bewegung, kühle Trainingsbedingungen und das Verteilen größerer Aufgaben sein. Da auch Schlafstörungen, Infekte, Schmerzen, Depressionen oder Medikamente Müdigkeit verstärken können, sollte eine neu aufgetretene oder deutlich zunehmende Erschöpfung ärztlich abgeklärt werden.
Ist Physiotherapie auch bei einem fortschreitenden Verlauf sinnvoll?
Ja. Auch bei einer progressiven MS können Training, Hilfsmittelberatung und alltagsbezogene Therapie dazu beitragen, vorhandene Funktionen zu nutzen, Folgeprobleme zu vermeiden und Selbstständigkeit möglichst lange zu erhalten. Ziele und Belastung werden regelmäßig angepasst.
Ist neurologische Physiotherapie als Hausbesuch möglich?
Ja, wenn Sie die Praxis aus medizinischen Gründen nicht aufsuchen können und der Hausbesuch ärztlich verordnet wurde. Ob die Voraussetzungen erfüllt sind, klären Sie bitte mit Ihrer behandelnden Ärztin oder Ihrem behandelnden Arzt.
Weiterführende Informationen
- Neurologische Physiotherapie in unserer Praxis
- Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft: MS und Sport
- DGN: Leitlinie zur Diagnose und Therapie der Multiplen Sklerose
Wissenschaftliche Grundlage
- Deutsche Gesellschaft für Neurologie: S2k-Living-Guideline „Diagnose und Therapie der Multiplen Sklerose, Neuromyelitis-optica-Spektrum-Erkrankungen und MOG-IgG-assoziierten Erkrankungen“, AWMF-Registernummer 030-050.
- Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft: Informationen zu Sport, Bewegung und symptomatischer Therapie bei MS.
Über die Autorin
Ines Beger ist Physiotherapeutin und Inhaberin der Praxis für Physiotherapie, Osteopathie und Chiropraktik Ines Beger in Leipzig-Böhlitz-Ehrenberg. Die Behandlung von Menschen mit neurologischen Erkrankungen erfolgt durch speziell fortgebildete Therapeutinnen und Therapeuten der Praxis.
Medizinischer Hinweis
Die Informationen auf dieser Seite dienen der allgemeinen Orientierung und ersetzen keine individuelle ärztliche Diagnose oder Behandlung. Bei neuen, starken oder rasch zunehmenden neurologischen Beschwerden ist eine zeitnahe medizinische Abklärung erforderlich.
Letzte Aktualisierung: 4. August 2026