Morbus Bechterew ist eine chronisch-entzündliche rheumatische Erkrankung, die vor allem die Wirbelsäule und die Kreuz-Darmbein-Gelenke betrifft. Typisch sind tief sitzende Rückenschmerzen, ausgeprägte Morgensteifigkeit und Beschwerden in der zweiten Nachthälfte.
Regelmäßige Bewegung, eine rheumatologische Behandlung und individuell angepasste Physiotherapie sind wichtige Bestandteile der Therapie.
Was ist Morbus Bechterew?
Morbus Bechterew wird heute der axialen Spondyloarthritis zugeordnet. Dieser Oberbegriff umfasst entzündlich-rheumatische Erkrankungen, bei denen vor allem die Wirbelsäule und die Iliosakralgelenke betroffen sind.
Unterschieden werden:
- die nicht-röntgenologische axiale Spondyloarthritis, bei der im Röntgenbild noch keine eindeutigen Veränderungen erkennbar sind, und
- die röntgenologische axiale Spondyloarthritis, die dem klassischen Morbus Bechterew beziehungsweise der ankylosierenden Spondylitis entspricht.
Die Erkrankung kann unterschiedlich verlaufen. Eine vollständige Versteifung der Wirbelsäule tritt nicht bei allen Betroffenen auf.
Typische Beschwerden
Mögliche Anzeichen sind:
- tief sitzende Rücken- oder Kreuzschmerzen,
- wechselnde Schmerzen im Gesäß,
- ausgeprägte Morgensteifigkeit,
- nächtliche Schmerzen, besonders in der zweiten Nachthälfte,
- Besserung durch Bewegung,
- geringe Besserung durch längere Ruhe,
- eingeschränkte Beweglichkeit der Wirbelsäule,
- Schmerzen an Sehnenansätzen, beispielsweise an der Achillessehne,
- Beschwerden an Hüft-, Knie- oder Schultergelenken und
- Müdigkeit oder Erschöpfung.
Rückenschmerzen haben sehr häufig andere Ursachen. Einzelne Symptome beweisen deshalb noch keine axiale Spondyloarthritis.
Beschwerden außerhalb der Wirbelsäule
Morbus Bechterew kann auch andere Körperbereiche betreffen. Mögliche Begleiterkrankungen sind:
- Entzündungen der Augen, insbesondere eine Uveitis,
- Schuppenflechte,
- chronisch-entzündliche Darmerkrankungen,
- Entzündungen anderer Gelenke und
- Entzündungen von Sehnenansätzen.
Ein plötzlich gerötetes und schmerzhaftes Auge, Lichtempfindlichkeit oder eine Verschlechterung des Sehens müssen umgehend augenärztlich untersucht werden.
Wie wird Morbus Bechterew diagnostiziert?
Die Diagnose wird in der Regel rheumatologisch gestellt. Berücksichtigt werden:
- Art und Verlauf der Beschwerden,
- körperliche Untersuchung,
- Beweglichkeit der Wirbelsäule und Gelenke,
- Blutuntersuchungen,
- Röntgenaufnahmen und
- gegebenenfalls eine Magnetresonanztomographie der Iliosakralgelenke.
Der genetische Marker HLA-B27 kann die Diagnostik unterstützen. Ein positiver Befund beweist die Erkrankung jedoch nicht, und ein negativer Befund schließt sie nicht sicher aus.
Eine frühzeitige rheumatologische Abklärung ist sinnvoll, wenn tief sitzende Rückenschmerzen über längere Zeit bestehen, bereits in jüngeren Jahren begonnen haben und sich eher durch Bewegung als durch Ruhe bessern.
Wie wird Morbus Bechterew behandelt?
Die Behandlung wird an Entzündungsaktivität, Beschwerden, Beweglichkeit, Begleiterkrankungen und persönliche Ziele angepasst.
Zu den möglichen Bestandteilen gehören:
- Aufklärung und Beratung,
- regelmäßige Bewegung,
- individuell angepasste Physiotherapie,
- entzündungshemmende Medikamente,
- bei weiterhin aktiver Erkrankung spezielle antirheumatische Medikamente und
- Behandlung möglicher Begleiterkrankungen.
Die medikamentöse Behandlung wird rheumatologisch gesteuert. Medikamente sollten nicht eigenständig verändert oder abgesetzt werden.
Warum Bewegung besonders wichtig ist
Bewegung zählt zu den zentralen nichtmedikamentösen Maßnahmen bei axialer Spondyloarthritis. Sie kann dabei unterstützen:
- die Beweglichkeit der Wirbelsäule zu erhalten,
- Muskelkraft und Ausdauer aufzubauen,
- die Aufrichtung des Körpers zu fördern,
- die Beweglichkeit des Brustkorbs zu verbessern,
- alltägliche Aktivitäten zu erleichtern und
- längeren Phasen körperlicher Inaktivität entgegenzuwirken.
Entscheidend ist Regelmäßigkeit. Übungen sollten an Krankheitsaktivität, Schmerzen, Beweglichkeit und persönliche Belastbarkeit angepasst werden.
Physiotherapie bei Morbus Bechterew
Zu Beginn führen wir eine individuelle physiotherapeutische Untersuchung durch. Dabei betrachten wir unter anderem:
- Beweglichkeit der Wirbelsäule,
- Haltung und Aufrichtung,
- Beweglichkeit des Brustkorbs,
- Atembewegung,
- Kraft und Ausdauer,
- Gleichgewicht und Koordination sowie
- Anforderungen aus Alltag, Beruf und Freizeit.
Mögliche Behandlungsinhalte sind:
- aktive Mobilisationsübungen,
- Aufrichtungs- und Haltungstraining,
- Kräftigung von Rumpf und Beinen,
- Übungen zur Beweglichkeit des Brustkorbs,
- Atemübungen,
- Ausdauertraining,
- Gleichgewichts- und Koordinationstraining sowie
- ein individuell abgestimmtes Heimübungsprogramm.
Unsere Krankengymnastik unterstützt Sie dabei, geeignete Übungen sicher zu erlernen und dauerhaft in Ihren Alltag zu integrieren.
Manuelle Behandlung mit besonderer Vorsicht
Manuelle Maßnahmen können bei bestimmten Bewegungseinschränkungen ergänzend eingesetzt werden. Sie ersetzen jedoch nicht das aktive Training und müssen an den Zustand der Wirbelsäule angepasst werden.
Bei fortgeschrittener Versteifung, Osteoporose oder vorausgegangenen Wirbelbrüchen können kräftige Manipulationen ein erhöhtes Verletzungsrisiko darstellen. Impulsmanipulationen an einer strukturell veränderten oder versteiften Wirbelsäule sind deshalb nicht als allgemeine Behandlung geeignet.
Ob schonende Maßnahmen aus der Manuellen Therapie infrage kommen, wird nach Befund und unter Beachtung der medizinischen Vorgaben entschieden.
Sport und Bewegung im Alltag
Je nach Krankheitsverlauf können sich beispielsweise eignen:
- regelmäßiges Gehen oder Wandern,
- Radfahren,
- Schwimmen,
- Wassergymnastik,
- angepasstes Krafttraining,
- Mobilisations- und Atemübungen sowie
- individuell angeleitete Gymnastik.
Bei erhöhter Sturzgefahr, fortgeschrittener Versteifung oder verminderter Knochendichte müssen Sportarten mit Körperkontakt, Stürzen oder abrupten Belastungen besonders sorgfältig beurteilt werden.
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Warum Bewegung so wichtig ist
In Folge 11 unseres Bootscasts erklären wir, warum regelmäßige Aktivität für Gelenke, Muskulatur, Kreislauf und Selbstständigkeit wichtig ist. Auch kleine Bewegungsimpulse im Alltag können einen sinnvollen Anfang bilden.
Folge 11 - Warum Bewegung so wichtig ist – Podcast
Krafttraining richtig aufbauen
In Folge 12 sprechen wir über die Grundlagen des Krafttrainings und darüber, warum Belastungen schrittweise und an die persönlichen Voraussetzungen angepasst werden sollten.
Folge 12 - Krafttraining – Podcast
Was können Sie selbst tun?
- Bleiben Sie möglichst regelmäßig in Bewegung.
- Unterbrechen Sie längere Sitzphasen.
- Führen Sie Ihr Übungsprogramm auch in beschwerdeärmeren Phasen fort.
- Wechseln Sie Mobilisation, Kraft und Ausdauer sinnvoll ab.
- Passen Sie die Belastung während entzündlicher Schübe an.
- Verzichten Sie auf das Rauchen.
- Nehmen Sie rheumatologische Kontrolltermine wahr.
- Besprechen Sie neue oder deutlich zunehmende Beschwerden frühzeitig.
Vollständige Schonung über längere Zeit kann Beweglichkeit und Belastbarkeit zusätzlich reduzieren. Gleichzeitig sollte ein akuter entzündlicher Schub nicht mit maximaler Trainingsintensität übergangen werden.
Wann ist eine schnelle medizinische Abklärung notwendig?
Bei Morbus Bechterew kann das Risiko für Wirbelbrüche erhöht sein, besonders bei fortgeschrittener Versteifung oder Osteoporose.
Lassen Sie deshalb neu aufgetretene starke Rücken- oder Nackenschmerzen nach einem Sturz oder Unfall unverzüglich untersuchen – auch wenn der Unfall zunächst harmlos erscheint.
Sofortige medizinische Hilfe ist außerdem erforderlich bei:
- neuen Lähmungserscheinungen,
- deutlichen Gefühlsstörungen,
- Kontrollverlust über Blase oder Darm,
- plötzlicher Gangunsicherheit,
- starken Brustschmerzen oder Atemnot sowie
- akut gerötetem, schmerzhaftem und lichtempfindlichem Auge.
Häufige Fragen zu Morbus Bechterew
Ist Morbus Bechterew heilbar?
Die Erkrankung ist chronisch und derzeit nicht heilbar. Mit einer geeigneten medizinischen Behandlung und regelmäßiger Bewegung lässt sich ihr Verlauf jedoch häufig gut beeinflussen.
Versteift die Wirbelsäule zwangsläufig?
Nein. Der Verlauf ist sehr unterschiedlich. Nicht bei allen Betroffenen entwickelt sich eine ausgeprägte Versteifung.
Ist Bewegung trotz Schmerzen sinnvoll?
Angepasste Bewegung ist ein wichtiger Bestandteil der Behandlung. Intensität und Übungsauswahl sollten sich nach Entzündungsaktivität, Beschwerden und Belastbarkeit richten.
Benötige ich eine ärztliche Verordnung?
Für Physiotherapie zulasten der gesetzlichen Krankenversicherung benötigen Sie eine ärztliche Heilmittelverordnung.
Kann Physiotherapie die Medikamente ersetzen?
Nein. Physiotherapie und Bewegung ergänzen die rheumatologische Behandlung, ersetzen aber keine erforderlichen entzündungshemmenden oder krankheitsmodifizierenden Medikamente.
Welche Übungen sind am wichtigsten?
Ein ausgewogenes Programm enthält normalerweise Übungen für Wirbelsäulenbeweglichkeit, Aufrichtung, Atmung, Kraft und Ausdauer. Die konkrete Auswahl sollte individuell erfolgen.
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Sie haben eine ärztliche Diagnose und eine physiotherapeutische Verordnung? Wir stimmen die Behandlung auf Ihre Beweglichkeit, Krankheitsaktivität und persönlichen Ziele ab.
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Quellen und weiterführende Informationen
- AWMF: Axiale Spondyloarthritis einschließlich Morbus Bechterew
- Deutsche Gesellschaft für Rheumatologie und Klinische Immunologie: Leitlinien zur axialen Spondyloarthritis
- Gesund.bund.de: Morbus Bechterew
Hinweis: Die bisherige deutsche S3-Leitlinie ist abgelaufen; eine aktualisierte Fassung befindet sich in Entwicklung. Bis zu ihrer Veröffentlichung bilden die verfügbaren Fachinformationen und die individuelle rheumatologische Beurteilung den Orientierungsrahmen.
Fachlich geprüft von Ines Beger
Physiotherapeutin · Heilpraktikerin · Osteopathin
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Zuletzt aktualisiert: Juli 2026