ohanniskraut zählt zu den bekanntesten und am besten untersuchten Heilpflanzen Europas. Mit seinen leuchtend gelben Blüten, die um den Johannistag Ende Juni ihre volle Blüte entfalten, prägt es sonnige Wiesen, Böschungen und Waldränder. Zerreibt man die Blüten zwischen den Fingern, tritt ein rötlicher Pflanzensaft aus – ein charakteristisches Merkmal, das der Pflanze seit Jahrhunderten besondere Aufmerksamkeit verschafft. Bereits in der Antike und
im Mittelalter wurde Johanniskraut zur Unterstützung des seelischen Wohlbefindens sowie zur Pflege kleinerer Hautverletzungen verwendet. Heute zählt es zu den wenigen Heilpflanzen, deren Wirksamkeit für bestimmte standardisierte Extrakte wissenschaftlich gut untersucht ist.
Steckbrief
Botanischer Name: Hypericum perforatum
Familie: Johanniskrautgewächse (Hypericaceae)
Blütezeit: Juni bis August
Verwendete Pflanzenteile: Blühendes Kraut
Anwendungsformen: Trockenextrakte, Tee, Öl (Rotöl), Tinkturen
Wirkungen: stimmungsaufhellend (standardisierte Extrakte), beruhigend, entzündungshemmend, wundpflegend (äußerlich)
Das Wesen der Pflanze
In der traditionellen Pflanzenheilkunde gilt Johanniskraut als Pflanze des Lichts. Seine leuchtend gelben Blüten symbolisieren Optimismus, Lebensfreude und innere Stärke. Seit Jahrhunderten wird es mit seelischer Ausgeglichenheit und emotionaler Stabilität in Verbindung gebracht.
Nach traditioneller Auffassung soll Johanniskraut dabei helfen, dunkle Gedanken zu vertreiben und neue Kraft zu schenken. Diese symbolische Betrachtung entstammt der Pflanzenheilkunde und ist wissenschaftlich nicht belegt.
Inhaltsstoffe und Wirkung
Johanniskraut enthält unter anderem:
- Hyperforin
- Hypericin
- Flavonoide
- Gerbstoffe
- ätherisches Öl
- Phenolcarbonsäuren
Diese Inhaltsstoffe werden mit folgenden Eigenschaften in Verbindung gebracht:
- stimmungsaufhellend
- beruhigend
- antioxidativ
- leicht entzündungshemmend
- wundpflegend bei äußerlicher Anwendung
Standardisierte Johanniskraut-Extrakte werden eingesetzt bei:
- leichten depressiven Störungen
- vorübergehender gedrückter Stimmung
- nervöser Unruhe
Das aus den Blüten gewonnene Johanniskrautöl (Rotöl) wird traditionell äußerlich verwendet, beispielsweise zur Pflege beanspruchter Haut sowie bei Muskelverspannungen und Prellungen.
Anwendung
Zur innerlichen Anwendung werden überwiegend standardisierte Trockenextrakte eingesetzt. Da die Wirkung nicht sofort eintritt, erfolgt die Anwendung in der Regel über mehrere Wochen.
Für die äußerliche Anwendung wird Johanniskrautöl (Rotöl) dünn auf die betroffenen Hautstellen aufgetragen und sanft einmassiert.
Ein Tee aus Johanniskraut wird traditionell ebenfalls verwendet, erreicht jedoch nicht die Wirkstoffkonzentrationen standardisierter Arzneimittel.
Was sagt die Wissenschaft?
Johanniskraut gehört zu den wissenschaftlich am besten untersuchten Heilpflanzen. Für bestimmte standardisierte Trockenextrakte erkennt die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) eine allgemein anerkannte medizinische Anwendung ("well-established use") zur kurzfristigen Behandlung der Symptome leichter depressiver Störungen an. Zahlreiche klinische Studien zeigen, dass diese Extrakte bei leichten bis mittelschweren depressiven Beschwerden wirksam sein können.
Gleichzeitig besitzt Johanniskraut ein erhebliches Wechselwirkungspotenzial. Es kann den Abbau zahlreicher Medikamente beschleunigen und dadurch deren Wirkung abschwächen. Betroffen sind unter anderem hormonelle Verhütungsmittel, Blutverdünner, Immunsuppressiva, bestimmte Krebsmedikamente, HIV-Medikamente und verschiedene Antidepressiva. Deshalb sollte Johanniskraut niemals ohne Rücksprache mit Arzt oder Apotheke zusammen mit anderen Medikamenten eingenommen werden.
Unsere physiotherapeutische Einordnung
Chronische Schmerzen und anhaltende Beschwerden des Bewegungsapparates gehen häufig mit psychischer Belastung, Schlafstörungen oder gedrückter Stimmung einher.
Eine ganzheitliche Therapie berücksichtigt deshalb sowohl körperliche als auch seelische Aspekte. Physiotherapie fördert durch Bewegung, aktive Übungen und manuelle Behandlung die körperliche Regeneration. Johanniskraut kann – nach ärztlicher Beratung – bei leichten depressiven Verstimmungen eine sinnvolle Ergänzung darstellen. Es ersetzt jedoch weder eine psychotherapeutische noch eine ärztliche Behandlung.
Verwechslungsgefahr
Johanniskraut kann mit anderen gelb blühenden Arten der Gattung Hypericum verwechselt werden.
Typische Merkmale des Echten Johanniskrauts sind:
- leuchtend gelbe Blüten mit schwarzen Drüsenpunkten,
- scheinbar durchlöcherte Blätter mit durchscheinenden Öldrüsen,
- rötlicher Pflanzensaft beim Zerreiben der Blüten,
- zweikantiger Stängel.
Diese Merkmale ermöglichen meist eine sichere Bestimmung.
Wissenswertes
Seinen Namen verdankt Johanniskraut der Blütezeit um den Johannistag (24. Juni). In vielen Regionen Europas galt die Pflanze als Schutzpflanze gegen Krankheiten und böse Einflüsse.
Im Jahr 2015 wurde Johanniskraut zur Arzneipflanze des Jahres gewählt – eine Auszeichnung für seine große Bedeutung in der modernen Phytotherapie.
Hinweise zur Anwendung
Johanniskraut sollte nicht ohne Rücksprache mit Arzt oder Apotheke eingenommen werden, wenn gleichzeitig andere Medikamente verwendet werden.
Während der Einnahme kann die Haut empfindlicher auf Sonnenlicht reagieren. Intensive Sonnenbestrahlung oder Solarien sollten deshalb vermieden werden.
Bei anhaltender Niedergeschlagenheit, schweren depressiven Symptomen oder Suizidgedanken ist unverzüglich ärztliche oder psychotherapeutische Hilfe erforderlich.
Fazit
Johanniskraut gehört zu den bedeutendsten Heilpflanzen der europäischen Phytotherapie. Für bestimmte standardisierte Extrakte ist die Wirksamkeit bei leichten depressiven Störungen wissenschaftlich gut belegt. Gleichzeitig besitzt kaum eine andere Heilpflanze so viele klinisch relevante Wechselwirkungen mit Arzneimitteln.
Im Rahmen eines ganzheitlichen Gesundheitskonzeptes kann Johanniskraut – nach fachlicher Beratung – eine sinnvolle Unterstützung sein. Zusammen mit Bewegung, Physiotherapie, einem gesunden Lebensstil und gegebenenfalls psychotherapeutischer Begleitung trägt es dazu bei, Körper und Seele wieder in Balance zu bringen.