Die Passionsblume fällt durch ihre außergewöhnlich aufgebauten violett-weißen Blüten auf. In der Pflanzenheilkunde wird jedoch nicht nur die Blüte verwendet, sondern das getrocknete oberirdische Kraut der Arznei-Passionsblume. Passionsblumenkraut wird traditionell bei leichter nervöser Anspannung und zur Unterstützung des Schlafes eingesetzt. Dabei eignet sie sich besonders für eine individuell abgestimmte phytotherapeutische Begleitung
in Phasen vorübergehender Belastung und Unruhe.
Botanischer Name: Passiflora incarnata L.
Familie: Passionsblumengewächse (Passifloraceae)
Blütezeit: überwiegend Juni bis September
Verwendeter Pflanzenteil: getrocknete oberirdische Pflanzenteile, insbesondere Blätter, Stängel und Blüten
Anwendungsformen: Tee, Flüssigextrakte, Trockenextrakte, Tropfen, Tabletten und Kapseln
Traditionelle Anwendungsgebiete: leichte Symptome von mentalem Stress, nervöse Unruhe und Unterstützung des Schlafes
Botanische Merkmale
Die Arznei-Passionsblume ist eine mehrjährige, krautige Kletterpflanze. Sie stammt ursprünglich aus dem südöstlichen Nordamerika und kann mithilfe ihrer spiralförmigen Ranken mehrere Meter hoch wachsen.
Typische Merkmale sind:
- lange, kletternde oder niederliegende Triebe,
- wechselständig angeordnete, meist dreigeteilte Blätter,
- fein gezähnte Blattränder,
- spiralförmige Ranken,
- große, auffällige violett-weiße Blüten,
- ein dichter Kranz aus zahlreichen fadenförmigen Strahlen und
- eiförmige bis rundliche Früchte.
Die Blüten besitzen einen besonders komplexen Aufbau. Neben Kelch- und Kronblättern fällt vor allem der violett-weiß gefärbte Strahlenkranz auf. In der Blütenmitte stehen die Staubblätter und Narben auf einer deutlich hervorgehobenen Säule.
Das Wesen der Pflanze
Die Passionsblume verbindet eine üppige, fast unüberschaubar wirkende Blütenform mit einer erstaunlich klaren inneren Ordnung. Ihre zahlreichen Fäden, Blütenblätter und Fortpflanzungsorgane bilden trotz ihrer Komplexität eine harmonische Einheit.
In der traditionellen Pflanzenbetrachtung wird sie deshalb mit innerer Sammlung, Ausgleich und Ruhe verbunden. Ihre rankenden Triebe suchen Halt, während sich die auffällige Blüte weit öffnet. Sinnbildlich kann dies für den Übergang von Anspannung zu Entspannung sowie für das Loslassen kreisender Gedanken stehen.
Diese Wesensbeschreibung ist eine traditionelle und symbolische Betrachtung der Pflanze. Sie ist nicht mit einer wissenschaftlich nachgewiesenen medizinischen Wirkung gleichzusetzen.
Inhaltsstoffe und Eigenschaften
Passionsblumenkraut enthält unter anderem:
- Flavonoide,
- C-Glykosylflavone wie Vitexin und Isovitexin,
- Orientin und Isoorientin,
- weitere phenolische Pflanzenstoffe sowie
- geringe Mengen verschiedener Begleitstoffe.
Welche einzelnen Inhaltsstoffe für die traditionelle Wirkung verantwortlich sind, ist bisher nicht abschließend geklärt. Wahrscheinlich ist nicht ein einzelner Stoff, sondern das Zusammenspiel verschiedener Pflanzenbestandteile von Bedeutung.
Traditionell werden der Passionsblume folgende Eigenschaften zugeschrieben:
- beruhigend,
- entspannend,
- ausgleichend,
- unterstützend bei leichter nervöser Anspannung und
- schlaffördernd.
Diese Eigenschaften beziehen sich auf leichte Beschwerden. Passionsblumenkraut ist kein Ersatz für die Behandlung einer ausgeprägten Angststörung, Depression, Panikstörung oder länger anhaltenden Schlafstörung.
Anwendung
Passionsblumenkraut kann einzeln oder als Bestandteil einer individuell zusammengestellten Teemischung verwendet werden. Häufig wird es mit anderen Pflanzen wie Baldrian, Melisse, Hopfen oder Lavendel kombiniert.
Für einen Tee aus der Einzeldroge werden üblicherweise etwa 1 bis 2 Gramm getrocknetes Passionsblumenkraut mit ungefähr 150 Millilitern kochendem Wasser übergossen. Der Tee wird etwa 10 Minuten zugedeckt ziehen gelassen und anschließend abgeseiht.
Zur Unterstützung des Schlafes kann der Tee ungefähr 30 bis 60 Minuten vor dem Zubettgehen getrunken werden. Bei leichter nervöser Anspannung sind – abhängig vom verwendeten Produkt und der individuellen Empfehlung – mehrere Einnahmen über den Tag möglich.
Bei einer von der Praxis Beger individuell rezeptierten Teemischung gilt die auf der Verordnung beziehungsweise dem Apothekenetikett angegebene Dosierung. Sofern nicht anders verordnet, empfehlen wir:
- einen Esslöffel der Teemischung auf eine große Tasse,
- mit kochendem Wasser übergießen,
- zehn Minuten zugedeckt ziehen lassen und
- anschließend abseihen.
Ausführliche Anleitung zur Zubereitung rezeptierter Teemischungen
Bei Fertigpräparaten können Konzentration und Dosierung deutlich von der Teezubereitung abweichen. Deshalb sollten die jeweilige Packungsbeilage und die persönliche Empfehlung beachtet werden.
Was sagt die Wissenschaft?
Der Ausschuss für pflanzliche Arzneimittel der Europäischen Arzneimittel-Agentur bewertet Passionsblumenkraut als traditionelles pflanzliches Arzneimittel. Auf Grundlage seiner langjährigen Anwendung kann es zur Linderung leichter Symptome von mentalem Stress und zur Unterstützung des Schlafes verwendet werden.
Die Einordnung als traditionelles Arzneimittel bedeutet, dass die Anwendung über einen langen Zeitraum medizinisch dokumentiert ist und als plausibel angesehen wird. Sie bedeutet jedoch nicht, dass die Wirksamkeit durch umfangreiche hochwertige klinische Studien eindeutig belegt wurde.
Die EMA berücksichtigte bei ihrer Bewertung auch klinische Untersuchungen. Wegen geringer Teilnehmerzahlen und methodischer Schwächen ließen sich daraus jedoch keine sicheren Schlussfolgerungen ziehen. Die europäische Bewertung beruht daher weiterhin vor allem auf der langjährigen traditionellen Anwendung.
Experimentelle Untersuchungen liefern Hinweise auf eine Beeinflussung beruhigender Signalwege im Nervensystem. Häufig wird dabei eine mögliche Beteiligung des GABA-Systems diskutiert. Der genaue Wirkmechanismus beim Menschen ist jedoch nicht abschließend geklärt.
Wissenschaftlich angemessen ist daher folgende Aussage:
Passionsblumenkraut kann traditionell bei leichter nervöser Anspannung und als Unterstützung bei Einschlafproblemen eingesetzt werden. Eine behandlungsbedürftige Angst- oder Schlafstörung kann damit nicht zuverlässig behandelt werden.
Quellen und weiterführende Informationen
Die Angaben zu Anwendung, Wirkung und Sicherheit beruhen insbesondere auf folgenden wissenschaftlichen und pharmazeutischen Grundlagen:
- Europäische Arzneimittel-Agentur: Passiflorae herba
Zusammenfassung der wissenschaftlichen Bewertung und der traditionellen Anwendungsgebiete. - EMA/HMPC: Europäische Pflanzenmonografie zu Passiflora incarnata
Angaben zu Anwendung, Dosierung, Anwendungsdauer und Sicherheit. - EMA/HMPC: Wissenschaftlicher Bewertungsbericht zu Passiflora incarnata
Bewertung der traditionellen Anwendung sowie der verfügbaren pharmakologischen und klinischen Untersuchungen. - Europäisches Direktorat für die Qualität von Arzneimitteln: Europäisches Arzneibuch
Pharmazeutische Qualitätsstandards für pflanzliche Arzneidrogen und Zubereitungen.
Die EMA hat 2025 ein erneutes Überprüfungsverfahren der Monografie eingeleitet. Bis zum Abschluss einer möglichen Aktualisierung bleibt die derzeit veröffentlichte Monografie die maßgebliche europäische Bewertung.
Unsere physiotherapeutische Einordnung
Anhaltender Stress, innere Unruhe und schlechter Schlaf können die Wahrnehmung von Schmerzen verstärken und die körperliche Erholung beeinträchtigen. Viele Menschen reagieren in Belastungssituationen außerdem mit einer erhöhten Muskelanspannung, beispielsweise im Bereich von Nacken, Schultern oder Kiefer.
Passionsblumenkraut besitzt jedoch keine unmittelbar nachgewiesene physiotherapeutische Wirkung auf Muskeln, Gelenke, Faszien oder Beweglichkeit. Es behandelt weder die Ursache einer Bewegungseinschränkung noch ersetzt es aktive Übungen, manuelle Therapie oder eine medizinisch erforderliche Behandlung.
Bei leichter nervöser Anspannung oder vorübergehenden Einschlafproblemen kann die Passionsblume nach individueller Prüfung eine ganzheitliche Behandlung begleiten. Ein verbesserter Umgang mit Stress und eine ausreichende Nachtruhe können günstige Voraussetzungen für Regeneration, Bewegung und aktive Therapie schaffen.
Dabei sollten neben einer möglichen phytotherapeutischen Begleitung insbesondere berücksichtigt werden:
- regelmäßige Bewegung,
- geeignete Entspannungsverfahren,
- ein möglichst gleichmäßiger Schlafrhythmus,
- die Reduzierung abendlicher Bildschirm- und Lichtreize,
- der Umgang mit anhaltenden Belastungen und
- die Abklärung körperlicher oder psychischer Ursachen länger bestehender Schlafprobleme.
Verwechslungsgefahr
Zur Gattung Passiflora gehören mehrere Hundert Arten. Nicht jede Passionsblume ist mit der medizinisch verwendeten Passiflora incarnata gleichzusetzen.
Häufig als Zierpflanze kultiviert wird beispielsweise die Blaue Passionsblume (Passiflora caerulea). Die Früchte, die als Maracuja oder Passionsfrucht angeboten werden, stammen dagegen überwiegend von Passiflora edulis.
Diese Arten können ähnlich aussehen, besitzen aber eine andere Zusammensetzung und sind nicht ohne Weiteres als Ersatz für medizinisches Passionsblumenkraut geeignet. Für eine therapeutische Anwendung sollten deshalb kontrollierte Arzneidrogen oder geprüfte Fertigpräparate verwendet werden.
Wissenswertes
Der Name der Passionsblume bezieht sich nicht auf romantische Leidenschaft, sondern auf die Passion Christi. Christliche Missionare deuteten im auffälligen Aufbau der Blüte verschiedene Symbole der Kreuzigungsgeschichte.
So wurden unter anderem:
- die fadenförmige Nebenkrone als Dornenkrone,
- die fünf Staubblätter als Wundmale,
- die drei Narben als Kreuznägel und
- die Ranken als Geißeln interpretiert.
Diese symbolische Deutung führte zur Bezeichnung „Passionsblume“.
In ihrer nordamerikanischen Heimat ist Passiflora incarnata auch als „Maypop“ bekannt. Die Bezeichnung spielt vermutlich auf das Geräusch an, das ihre Früchte beim Zertreten erzeugen können.
Medizinisch verwendet wird nicht die Passionsfrucht, sondern das während der Blüte geerntete und getrocknete oberirdische Kraut der Arznei-Passionsblume.
Hinweise zur Anwendung
Passionsblumenkraut sollte nicht angewendet werden:
- bei bekannter Überempfindlichkeit gegen Passionsblume,
- bei Kindern unter zwölf Jahren,
- während Schwangerschaft und Stillzeit, da keine ausreichenden Sicherheitsdaten vorliegen,
- ohne fachliche Rücksprache zusammen mit stark beruhigenden oder schlaffördernden Medikamenten.
In der derzeitigen EMA-Monografie sind keine gesicherten Wechselwirkungen angegeben. Dennoch kann eine verstärkte Müdigkeit bei der gleichzeitigen Einnahme anderer beruhigender Substanzen nicht sicher ausgeschlossen werden. Dazu gehören beispielsweise Schlafmittel, Beruhigungsmittel und Alkohol.
Passionsblumenpräparate können die Aufmerksamkeit und Reaktionsfähigkeit beeinträchtigen. Nach der Einnahme sollte insbesondere bei auftretender Müdigkeit oder Benommenheit nicht aktiv am Straßenverkehr teilgenommen und keine Maschine bedient werden.
Die Anwendung sollte beendet und fachlicher Rat eingeholt werden, wenn Unverträglichkeits- oder allergische Reaktionen auftreten.
Eine ärztliche oder psychotherapeutische Abklärung ist sinnvoll bei:
- Schlafproblemen, die länger als zwei Wochen bestehen,
- zunehmender oder ausgeprägter innerer Unruhe,
- starker Tagesmüdigkeit,
- nächtlichen Atemaussetzern oder ausgeprägtem Schnarchen,
- Panikattacken,
- anhaltender gedrückter Stimmung,
- deutlichen Einschränkungen im Alltag oder
- einer Verschlechterung der Beschwerden während der Anwendung.
Auch körperliche Erkrankungen, Medikamente, hormonelle Veränderungen, Schmerzen oder psychische Belastungen können Schlafprobleme verursachen.
Fazit
Die Arznei-Passionsblume gehört zu den traditionellen Heilpflanzen bei leichter nervöser Anspannung und vorübergehenden Einschlafproblemen. Verwendet werden die getrockneten oberirdischen Pflanzenteile von Passiflora incarnata.
Die europäische Bewertung beruht vor allem auf der langjährigen traditionellen Anwendung. Klinische Studien liefern bisher keine ausreichend sicheren Belege für eine zuverlässige Behandlung ausgeprägter Angst- oder Schlafstörungen.
Im Rahmen eines individuell abgestimmten Behandlungskonzeptes kann Passionsblumenkraut bei leichten Beschwerden unterstützend eingesetzt werden. Entscheidend sind die richtige Pflanzenart, eine kontrollierte Qualität sowie die Beachtung möglicher Gegenanzeigen und begleitender Medikamente.
Ähnliche Heilpflanzen
Weitere Pflanzen, die traditionell bei leichter nervöser Anspannung oder Schlafproblemen verwendet werden, sind Baldrian, Hopfen, Lavendel und Melisse.
Weitere Informationen
Weitere Pflanzenporträts finden Sie in unserem Heilpflanzenlexikon.
Informationen zur individuellen Anwendung, zu möglichen Neben- und Wechselwirkungen sowie zu unserer Beratung erhalten Sie auf der Seite Phytotherapie.
Verantwortlich für den Inhalt
Ines Beger
Physiotherapeutin · Heilpraktikerin · Osteopathin · Pflanzenheilkunde
Qualifikationen und Fortbildungen von Ines Beger
Medizinischer Hinweis: Dieser Beitrag dient ausschließlich der allgemeinen Information und ersetzt keine persönliche medizinische Untersuchung, Diagnose oder phytotherapeutische Beratung. Auch pflanzliche Arzneimittel können Nebenwirkungen, Gegenanzeigen und Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten haben. Bei anhaltenden, zunehmenden oder unklaren Beschwerden sowie in Schwangerschaft und Stillzeit sollte die Anwendung ärztlich oder fachkundig abgeklärt werden.
Zuletzt aktualisiert: September 2026