Eine Ataxie kann sich durch unsicheres Gehen, Gleichgewichtsstörungen oder Schwierigkeiten bei gezielten Bewegungen bemerkbar machen.
Betroffene beschreiben beispielsweise, dass sie häufiger stolpern, beim Gehen schwanken oder Bewegungen von Armen und Händen nicht mehr so präzise ausführen können.
Dabei ist Ataxie keine einzelne Erkrankung, sondern bezeichnet eine Störung der Bewegungskoordination. Dahinter können sehr unterschiedliche neurologische Erkrankungen und andere medizinische Ursachen stehen.
Insbesondere bei neu auftretenden Koordinations- oder Gleichgewichtsstörungen ist deshalb eine ärztliche beziehungsweise neurologische Abklärung wichtig.
Was ist eine Ataxie?
Als Ataxie bezeichnet man eine Störung der Koordination von Bewegungen. Bewegungen können grundsätzlich möglich sein, lassen sich jedoch nicht mehr so präzise, flüssig und sicher steuern wie gewohnt.
Je nachdem, welche Bereiche des Nervensystems betroffen sind, kann sich eine Ataxie sehr unterschiedlich zeigen.
Häufig bestehen Schwierigkeiten beim:
- Gehen und Stehen
- Halten des Gleichgewichts
- gezielten Greifen
- Koordinieren von Armen und Beinen
- Ausführen feinmotorischer Tätigkeiten
- Sprechen
- Steuern der Augenbewegungen
Bei manchen Menschen steht die Gangunsicherheit im Vordergrund, bei anderen sind vor allem Hände und Arme oder die Sprache betroffen.
Welche Beschwerden können auftreten?
Typische Symptome einer Ataxie können sein:
- unsicherer oder breitbeiniger Gang
- Schwanken beim Stehen oder Gehen
- Gleichgewichtsstörungen
- häufiges Stolpern oder Stürzen
- unkoordinierte Bewegungen von Armen und Beinen
- Schwierigkeiten bei zielgerichteten Bewegungen
- Probleme bei feinmotorischen Tätigkeiten
- Zittern bei gezielten Bewegungen
- veränderte oder undeutliche Sprache
- Störungen der Augenbewegungen
- Schwierigkeiten bei schnellen Bewegungswechseln
Welche Beschwerden auftreten und wie stark sie ausgeprägt sind, hängt wesentlich von der Ursache und dem betroffenen Bereich des Nervensystems ab.
Welche Formen der Ataxie gibt es?
Ataxien können nach ihrer Ursache und danach unterschieden werden, welcher Teil des Nervensystems betroffen ist.
Zerebelläre Ataxie
Bei der zerebellären Ataxie liegt eine Schädigung oder Funktionsstörung des Kleinhirns (Cerebellum) oder seiner Verbindungen vor.
Das Kleinhirn spielt eine wichtige Rolle bei der Koordination, Feinabstimmung und zeitlichen Steuerung von Bewegungen. Eine Funktionsstörung kann daher unter anderem Gang, Gleichgewicht, Arm- und Handbewegungen sowie die Sprache beeinflussen.
Sensorische Ataxie
Bei einer sensorischen Ataxie erreichen Informationen über Stellung und Bewegung des Körpers das Gehirn nicht ausreichend.
Die Betroffenen versuchen teilweise, die fehlenden Informationen durch die Augen auszugleichen. Gang- und Standunsicherheit können deshalb bei Dunkelheit oder geschlossenen Augen stärker werden.
Vestibuläre Ataxie
Auch Störungen des Gleichgewichtssystems können zu Stand- und Gangunsicherheit führen. Dabei können zusätzlich Schwindel und andere Gleichgewichtsbeschwerden auftreten.
Welche Ursachen kann eine Ataxie haben?
Die möglichen Ursachen einer Ataxie sind vielfältig.
Ataxien können beispielsweise auftreten bei:
- Erkrankungen oder Schädigungen des Kleinhirns
- Schlaganfall
- Multiple Sklerose
- Schädel-Hirn-Trauma
- Tumorerkrankungen
- entzündlichen Erkrankungen des Nervensystems
- bestimmten Polyneuropathien
- Vitaminmangelzuständen
- Stoffwechselerkrankungen
- Alkohol- oder Medikamenteneinwirkung
- genetisch bedingten neurologischen Erkrankungen
Zu den erblichen Erkrankungen gehören beispielsweise verschiedene spinozerebelläre Ataxien und die Friedreich-Ataxie.
Da sowohl behandelbare als auch fortschreitende Erkrankungen hinter einer Ataxie stehen können, ist die genaue Diagnostik besonders wichtig.
Wie wird eine Ataxie diagnostiziert?
Die Diagnostik erfolgt in der Regel neurologisch.
Zu Beginn stehen die ausführliche Krankengeschichte und eine neurologische Untersuchung. Dabei können unter anderem beurteilt werden:
- Gang und Stand
- Gleichgewicht
- Koordination
- Zielbewegungen der Arme und Beine
- Reflexe
- Sensibilität
- Muskelkraft
- Augenbewegungen
- Sprache
Abhängig von den Beschwerden und der vermuteten Ursache können weitere Untersuchungen notwendig sein.
Dazu können beispielsweise gehören:
- Magnetresonanztomographie (MRT)
- Computertomographie (CT)
- Blutuntersuchungen
- elektrophysiologische Untersuchungen
- Liquordiagnostik
- genetische Untersuchungen
Entscheidend ist nicht nur festzustellen, dass eine Ataxie besteht, sondern möglichst auch deren Ursache zu bestimmen.
Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es?
Die Behandlung einer Ataxie richtet sich nach ihrer Ursache.
Besteht eine behandelbare Grunderkrankung, steht deren gezielte medizinische Therapie im Vordergrund.
Bei chronischen oder genetisch bedingten Ataxien kann die Behandlung darauf ausgerichtet sein, vorhandene Fähigkeiten möglichst gut zu erhalten, Kompensationsstrategien zu entwickeln und Selbstständigkeit und Sicherheit im Alltag zu unterstützen.
Abhängig vom Krankheitsbild können Bestandteil der Behandlung sein:
- neurologische beziehungsweise ärztliche Therapie
- Physiotherapie
- Ergotherapie
- Logopädie
- Behandlung einzelner Symptome
- Hilfsmittelversorgung
- Sturzprävention
- neurologische Rehabilitation
Was sagen Leitlinien und Wissenschaft?
Die Diagnostik und Behandlung von Ataxien hängt wesentlich von der zugrunde liegenden Ursache ab. Die deutsche DGN/AWMF-Leitlinie „Ataxien des Erwachsenenalters“ gibt Empfehlungen zur diagnostischen Einordnung und Behandlung unterschiedlicher Ataxieformen.
Für die physiotherapeutische Behandlung gibt es Hinweise darauf, dass ein intensives und individuell angepasstes Training bei degenerativen zerebellären Ataxien positive Auswirkungen haben kann.
Eine aktuelle systematische Übersichtsarbeit mit Meta-Analyse untersuchte unter anderem Kraft-, Koordinations-, Gleichgewichts-, Gang- und Ausdauertraining. Die Ergebnisse sprechen für mögliche Verbesserungen durch physiotherapeutische Interventionen. Die Autoren weisen jedoch darauf hin, dass die Sicherheit der wissenschaftlichen Evidenz bislang gering ist und weitere hochwertige Studien erforderlich sind.
Welche Rolle spielt Physiotherapie bei Ataxie?
Physiotherapie kann ein wichtiger Bestandteil der Behandlung sein, insbesondere wenn Gleichgewicht, Gang, Koordination oder die Bewältigung alltäglicher Bewegungen beeinträchtigt sind.
Nach einer individuellen physiotherapeutischen Befundung können beispielsweise trainiert werden:
- Gleichgewicht
- Gangkontrolle
- Koordination von Armen und Beinen
- Rumpfstabilität
- zielgerichtete Bewegungen
- Kraft
- Ausdauer
- Transfers und Alltagsbewegungen
- Strategien zur Sturzprävention
Welche Maßnahmen sinnvoll sind, hängt von der Ursache der Ataxie, der Ausprägung der Beschwerden und den persönlichen Zielen ab.
Gleichgewichts- und Koordinationstraining
Bei vielen Menschen mit Ataxie stellen Gleichgewichts- und Koordinationsstörungen eine besondere Herausforderung im Alltag dar.
Das Training kann deshalb gezielt auf Situationen ausgerichtet werden, die für den jeweiligen Patienten relevant sind – beispielsweise sicheres Aufstehen, Richtungswechsel, Treppensteigen, Gehen auf unterschiedlichen Untergründen oder das gleichzeitige Ausführen verschiedener Bewegungsaufgaben.
Die Anforderungen werden individuell angepasst und schrittweise gesteigert.
Gangtraining und Sturzprävention
Besteht eine erhöhte Sturzgefahr, ist die Sicherheit ein wichtiger Bestandteil der Behandlung.
Neben einem gezielten Gang- und Gleichgewichtstraining können auch Strategien für schwierige Alltagssituationen erarbeitet werden.
Falls erforderlich, kann gemeinsam mit Ärzten und anderen beteiligten Berufsgruppen geprüft werden, ob ein geeignetes Hilfsmittel zusätzliche Sicherheit ermöglicht.
Ataxie und neurologische Physiotherapie
Ataxien können sehr unterschiedliche Ursachen und Erscheinungsformen haben. Deshalb ist eine differenzierte neurologische Befundung besonders wichtig.
In unserer Praxis behandeln wir Menschen mit neurologischen Erkrankungen mit individuell abgestimmten Therapiekonzepten. Abhängig vom Befund können unter anderem Bewegungs-, Gleichgewichts-, Koordinations- und Gangtraining miteinander kombiniert werden.
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Wann sollte eine Ataxie dringend ärztlich abgeklärt werden?
Eine neu auftretende Störung von Gleichgewicht oder Bewegungskoordination sollte grundsätzlich medizinisch abgeklärt werden.
Sofortige medizinische Hilfe ist insbesondere erforderlich, wenn eine Koordinationsstörung plötzlich auftritt oder gleichzeitig beispielsweise folgende Beschwerden bestehen:
- Lähmungen oder deutliche Kraftminderung
- Sprach- oder Sprechstörungen
- Gefühlsstörungen
- Sehstörungen
- starke oder ungewöhnliche Kopfschmerzen
- Bewusstseinsstörungen
- ausgeprägter Schwindel mit weiteren neurologischen Symptomen
Plötzlich auftretende neurologische Beschwerden können unter anderem auf einen Schlaganfall hinweisen und sollten als medizinischer Notfall behandelt werden.
Häufige Fragen zur Ataxie
Ist Ataxie eine Krankheit?
Ataxie ist zunächst die Bezeichnung für eine Störung der Bewegungskoordination und keine einzelne Erkrankung. Sie kann durch sehr unterschiedliche Erkrankungen oder Schädigungen des Nervensystems verursacht werden.
Deshalb ist die Suche nach der zugrunde liegenden Ursache ein wesentlicher Bestandteil der Diagnostik.
Kann sich eine Ataxie wieder verbessern?
Das hängt von der Ursache ab.
Bei behandelbaren oder vorübergehenden Ursachen können sich Koordinationsstörungen teilweise oder vollständig zurückbilden. Bei chronischen oder genetisch bedingten Erkrankungen kann das Ziel darin bestehen, vorhandene Fähigkeiten möglichst gut zu erhalten, die Selbstständigkeit zu fördern und Strategien für den Alltag zu entwickeln.
Hilft Physiotherapie bei Ataxie?
Physiotherapie kann insbesondere bei Beeinträchtigungen von Gleichgewicht, Gang und Koordination sinnvoll sein.
Eine aktuelle systematische Übersichtsarbeit mit Meta-Analyse zeigt mögliche positive Effekte physiotherapeutischer Maßnahmen bei degenerativer zerebellärer Ataxie. Aufgrund der begrenzten Qualität und Unterschiedlichkeit der bisherigen Studien sind die Ergebnisse jedoch vorsichtig zu interpretieren.
Kann man bei Ataxie das Gleichgewicht trainieren?
Ja. Abhängig von der Ursache und dem individuellen Befund kann Gleichgewichtstraining Bestandteil der physiotherapeutischen Behandlung sein.
Dabei können unter anderem Standkontrolle, Gewichtsverlagerungen, Gleichgewichtsreaktionen, Richtungswechsel und unterschiedliche Alltagssituationen trainiert werden.
Ist Gehen bei Ataxie sinnvoll?
Regelmäßige Bewegung kann bei vielen Formen der Ataxie sinnvoll sein. Art und Intensität sollten jedoch an die individuelle Situation angepasst werden.
Bei ausgeprägter Gangunsicherheit oder erhöhter Sturzgefahr sollte ein Training zunächst unter fachlicher Anleitung erfolgen.
Welche Übungen sind bei Ataxie geeignet?
Ein allgemeingültiges Übungsprogramm für alle Menschen mit Ataxie gibt es nicht.
Abhängig vom Befund können beispielsweise Übungen für Gleichgewicht, Koordination, Rumpfkontrolle, Gang, Kraft und Ausdauer eingesetzt werden. Die Auswahl richtet sich nach Ursache und Schweregrad der Ataxie sowie nach den individuellen Fähigkeiten und Zielen.
Ist Ataxie heilbar?
Auch das hängt von der Ursache ab. Einige Ursachen einer Ataxie sind behandelbar, während bei anderen Erkrankungen keine ursächliche Heilung möglich ist.
Eine genaue neurologische Diagnostik ist deshalb entscheidend, bevor Aussagen über Verlauf und Behandlungsmöglichkeiten getroffen werden können.
Weiterführende wissenschaftliche Informationen
Die Inhalte dieser Seite orientieren sich insbesondere an neurologischen Leitlinien und aktuellen wissenschaftlichen Veröffentlichungen.
- AWMF-Leitlinie „Ataxien des Erwachsenenalters“
- Effects of physiotherapy on degenerative cerebellar ataxia: a systematic review and meta-analysis – PubMed
- Patienteninformationen zu Ataxien – ERN-RND
Hinweis zur Evidenz
Dieser Artikel basiert auf aktuellen neurologischen Leitlinien, wissenschaftlichen Veröffentlichungen und patientenorientierten Fachinformationen sowie unserer physiotherapeutischen Erfahrung.
Die wissenschaftliche Datenlage zur Physiotherapie bei Ataxien entwickelt sich weiter. Insbesondere bei degenerativen zerebellären Ataxien gibt es Hinweise auf positive Effekte verschiedener Trainingsformen. Aufgrund der teilweise geringen Studienqualität und der unterschiedlichen Ataxieformen lassen sich diese Ergebnisse jedoch nicht uneingeschränkt auf jeden Patienten übertragen.
Die Therapie wird deshalb immer an die zugrunde liegende Erkrankung, den individuellen Befund und die persönlichen Ziele angepasst.
Medizinischer Hinweis
Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine persönliche medizinische Untersuchung, Diagnose oder individuelle Therapieempfehlung. Welche Übungen und Behandlungen geeignet sind, hängt von der Ursache, möglichen Begleitverletzungen und der persönlichen Belastbarkeit ab.
Verantwortlich für den Inhalt
Ines Beger
Physiotherapeutin · Heilpraktikerin · Osteopathin
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Letzte Aktualisierung: 3. August 2026