Schmerzen im Bereich des Iliosakralgelenks werden häufig als tief sitzende Kreuzschmerzen oder als einseitige Schmerzen im Gesäß wahrgenommen. Manche Patienten sprechen von einer ISG-Blockade, weil sich
das Becken steif, verschoben oder „wie festgesetzt“ anfühlt. Andere bemerken die Beschwerden besonders beim Aufstehen, Treppensteigen, längeren Sitzen oder Drehen im Bett.
Hinter diesen Beschwerden muss jedoch nicht immer eine tatsächliche Blockade stehen. Auch Muskeln, Bänder, die Lendenwirbelsäule, die Hüfte oder der Beckenboden können ähnliche Schmerzen hervorrufen. Deshalb behandeln wir nicht einfach nur die vermutete Blockade. Wir möchten verstehen, welche Strukturen und Einflussfaktoren Ihre Beschwerden tatsächlich unterhalten.
Unser Blick auf ISG-Beschwerden
Das Iliosakralgelenk liegt an einer wichtigen Schnittstelle zwischen Wirbelsäule, Becken und Beinen. Es muss Kräfte übertragen und gleichzeitig ausreichend Stabilität bieten.
Bei unserer Untersuchung betrachten wir deshalb nicht nur das Gelenk selbst. Wir beziehen auch die Lendenwirbelsäule, die Hüften, den Beckenboden, die Muskulatur und das Gangbild ein. Abhängig von Ihrer Vorgeschichte können außerdem Schwangerschaften, Geburten, Narben sowie gynäkologische, urologische oder funktionelle Verdauungsbeschwerden für die Einordnung wichtig sein.
Nicht jeder dieser Bereiche spielt bei jedem Patienten eine Rolle. Entscheidend ist herauszufinden, welche Faktoren Ihre Beschwerden tatsächlich beeinflussen und welche Behandlung für Sie sinnvoll ist.
Je nach Befund können Physiotherapie, Osteopathie, Chiropraktik sowie bei entsprechender medizinischer Indikation weitere Verfahren wie Neuraltherapie oder Phytotherapie Bestandteil des Behandlungskonzeptes sein.
Was ist das Iliosakralgelenk?
Das Iliosakralgelenk, kurz ISG, verbindet das Kreuzbein mit den beiden Darmbeinen des Beckens. Es besitzt nur einen kleinen Bewegungsumfang, übernimmt aber eine wichtige Aufgabe bei der Übertragung des Körpergewichts von der Wirbelsäule auf das Becken und die Beine. Ein kräftiger Bandapparat sorgt für Stabilität.
Die Bezeichnung „ISG-Blockade“ wird häufig für schmerzhafte Bewegungseinschränkungen verwendet. Aus dem Schmerzort allein lässt sich jedoch nicht sicher ableiten, dass das Gelenk die Ursache ist. Beschwerden der Lendenwirbelsäule, der Hüfte, der Muskulatur oder anderer Strukturen können sich ähnlich äußern. Auch klinische Provokationstests liefern eher in Kombination als einzeln hilfreiche Hinweise.
Welche Beschwerden können auftreten?
Viele Patienten berichten über
- einseitige Schmerzen im unteren Rücken
- Schmerzen über dem rechten oder linken Gesäß
- Ausstrahlung in Gesäß, Leiste oder Oberschenkel
- Schmerzen beim Aufstehen aus dem Sitzen
- Beschwerden beim Treppensteigen
- Schmerzen beim Drehen im Bett
- Probleme beim längeren Sitzen oder Stehen
- ein Gefühl von Steifigkeit oder Instabilität im Becken
- Schmerzen beim Gehen mit größeren Schritten
- Beschwerden nach ungewohnter Belastung
Schmerzen, die deutlich unterhalb des Knies ausstrahlen, sowie Taubheitsgefühle oder Muskelschwäche können dagegen eher für eine Beteiligung von Nerven oder der Lendenwirbelsäule sprechen und sollten entsprechend untersucht werden.
Warum entstehen ISG-Beschwerden?
Mögliche Einflussfaktoren sind
- ungewohnte oder einseitige Belastungen
- langes Sitzen oder Stehen
- Bewegungsmangel
- muskuläre Spannungsunterschiede durch das Piriformis-Syndrom
- eingeschränkte Beweglichkeit von Lendenwirbelsäule oder Coxarthrose
- Verletzungen und Stürze
- Schwangerschaft und die Zeit nach der Geburt
- Beckenbodeninsuffizienz
- entzündliche Erkrankungen wie Morbus Bechterew
- Ischiasausstrahlung
- Operationen und Narben
häufig wirken mehrere Faktoren zusammen.
Entzündungen des Iliosakralgelenks werden als Sakroiliitis bezeichnet. Sie können unter anderem bei entzündlich-rheumatischen Erkrankungen auftreten und gehören in ärztliche Diagnostik und Behandlung. Typisch können länger anhaltende Steifigkeit, Ruhe- oder Nachtschmerzen und eine Besserung durch Bewegung sein.
Wir betrachten mehr als das Iliosakralgelenk
Die Lendenwirbelsäule
Die Lendenwirbelsäule und das ISG liegen unmittelbar nebeneinander. Beschwerden beider Bereiche können sich deshalb sehr ähnlich anfühlen. Wir prüfen unter anderem, ob Bewegungen der Wirbelsäule die Schmerzen verändern und ob Hinweise auf eine Beteiligung von Bandscheiben, Wirbelgelenken oder Nerven bestehen.
Weitere Informationen finden Sie auf unserer Seite zu Lendenwirbelschmerzen.
Hüfte und Muskulatur
Einschränkungen der Hüftbeweglichkeit oder eine veränderte Spannung der Gesäß-, Bauch- und Beckenmuskulatur können die Belastung rund um das ISG beeinflussen. Deshalb untersuchen wir auch die Hüften, die Beinachsen, die Muskelkraft und das Gangbild.
Der Beckenboden
Der Beckenboden gehört gemeinsam mit Bauch-, Rücken- und Atemmuskulatur zum stabilisierenden System des Rumpfes. Eine zu geringe, aber auch eine dauerhaft erhöhte Muskelspannung kann Beschwerden im Becken begleiten. Gleichzeitig können Probleme wie Inkontinenz, Senkungsbeschwerden oder Schmerzen im Beckenboden wichtige Hinweise für die weitere Untersuchung sein.
Schwangerschaft und Zeit nach der Geburt
Während einer Schwangerschaft verändern sich Belastung, Haltung und Bewegung des Beckens. Auch nach einer Geburt kann es einige Zeit dauern, bis sich Beckenboden, Bauchwand und Rumpfstabilität wieder angepasst haben.
Angepasste Bewegung und Kräftigung können während einer unkomplizierten Schwangerschaft grundsätzlich sinnvoll sein. Art und Intensität sollten jedoch zur individuellen Situation passen und bei Unsicherheit mit der behandelnden Ärztin, dem behandelnden Arzt oder der Hebamme abgestimmt werden.
Gynäkologische Zusammenhänge
Manche Frauen berichten über Kreuz- oder Beckenschmerzen in Verbindung mit dem Menstruationszyklus, einer Schwangerschaft, Endometriose oder nach gynäkologischen Eingriffen. Solche Beschwerden bedeuten nicht automatisch, dass das ISG die Ursache ist.
Wir berücksichtigen diese Zusammenhänge in der Anamnese und empfehlen bei entsprechenden Hinweisen eine gynäkologische Abklärung. Osteopathische oder physiotherapeutische Maßnahmen ersetzen keine gynäkologische Diagnostik.
Blase und Prostata
Beschwerden der Blase oder Prostata können mit Schmerzen im Unterbauch, Becken, Dammbereich oder unteren Rücken einhergehen. Gleichzeitig können verspannte Beckenbodenmuskeln oder muskuloskelettale Beschwerden ähnliche Regionen betreffen.
Probleme beim Wasserlassen, Blut im Urin, Fieber, Schmerzen im Unterbauch oder neu auftretende Beschwerden im Becken müssen ärztlich beziehungsweise urologisch abgeklärt werden.
Verdauung
Verstopfung, Blähungen oder andere funktionelle Verdauungsbeschwerden können das Wohlbefinden und die Spannung im Bauch- und Beckenbereich beeinflussen. Wir fragen deshalb auch nach solchen Begleitbeschwerden, ohne daraus vorschnell eine Ursache für die ISG-Schmerzen abzuleiten.
Bei länger anhaltenden, zunehmenden oder ungeklärten Verdauungsproblemen ist eine ärztliche Untersuchung erforderlich. Bestehen zusätzlich funktionelle Verdauungsbeschwerden oder eine ausgeprägte Stressbelastung, kann im Rahmen unserer multimodalen Schmerztherapie bei entsprechender Indikation auch eine individuell abgestimmte Phytotherapie unterstützend besprochen werden.
Narben
Narben nach Kaiserschnitt, Bauchoperationen, gynäkologischen oder urologischen Eingriffen können die Verschieblichkeit der oberflächlichen Gewebeschichten verändern. Ob eine Narbe für das individuelle Beschwerdebild relevant ist, kann nicht allein aus ihrem Vorhandensein abgeleitet werden.
Wir beziehen Narben bei entsprechender Vorgeschichte in die Untersuchung ein. Wenn es medizinisch sinnvoll ist, kann die Neuraltherapie einen ergänzenden Baustein innerhalb eines multimodalen Behandlungskonzeptes darstellen.
Passende Informationen finden Sie in unserem Blogartikel Neuraltherapie bei chronischen Beckenbeschwerden.
Stress und Nervensystem
Anhaltende Belastung, schlechter Schlaf oder die Sorge vor bestimmten Bewegungen können die Muskelspannung und die Schmerzwahrnehmung beeinflussen. Deshalb interessieren wir uns auch dafür, wie sich Ihre Beschwerden im Alltag verhalten und welche Belastungen oder Erholungsmöglichkeiten bestehen.
Wie untersuchen wir ISG-Beschwerden?
Jede Behandlung beginnt mit einem ausführlichen Gespräch.
Wir möchten unter anderem wissen,
- wo genau Sie die Schmerzen spüren
- seit wann die Beschwerden bestehen
- welche Bewegungen sie auslösen oder lindern
- ob die Schmerzen in Bein, Leiste oder Unterbauch ausstrahlen
- ob Taubheitsgefühle oder Kraftverluste auftreten
- ob Schwangerschaften, Geburten, Unfälle oder Operationen vorausgegangen sind
- ob Beschwerden des Beckenbodens, der Blase, der Prostata oder des Darms bestehen
Anschließend untersuchen wir die Lendenwirbelsäule, das Becken, die Hüften und die Muskulatur. Wir beurteilen Beweglichkeit, Kraft, Koordination und alltagsbezogene Bewegungen. Je nach Befund können mehrere Schmerzprovokationstests Hinweise darauf geben, ob das ISG am Beschwerdebild beteiligt sein könnte. Ein einzelner Test oder ein vermeintlicher Beckenschiefstand reicht für eine zuverlässige Zuordnung nicht aus.
Eine bildgebende Untersuchung ist nicht automatisch erforderlich. Sie ist vor allem dann sinnvoll, wenn das Ergebnis die weitere Behandlung verändern würde oder Hinweise auf eine spezifische Erkrankung vorliegen.
Wie können wir Sie unterstützen?
Physiotherapie
Mit Krankengymnastik, Manuelle Therapie und individuell angepassten Übungen unterstützen wir Beweglichkeit, Kraft und Kontrolle von Rumpf, Becken und Hüften.
Ein wichtiger Schwerpunkt liegt auf aktiver Behandlung. Internationale Leitlinien empfehlen bei Kreuzschmerzen, normale Aktivitäten möglichst fortzuführen und Bewegung beziehungsweise Übungsprogramme an die individuellen Möglichkeiten anzupassen. Manuelle Verfahren sollten nicht isoliert, sondern als Teil eines Behandlungskonzeptes mit aktiven Maßnahmen eingesetzt werden.
Osteopathie
Die osteopathische Untersuchung ergänzt unseren Blick auf Becken, Lendenwirbelsäule, Hüften, Faszien, Beckenboden und angrenzende Körperregionen.
Viszerale oder fasziale Zusammenhänge berücksichtigen wir nur dann, wenn sich aus Vorgeschichte und Untersuchung konkrete Hinweise ergeben. Sie werden nicht pauschal als Ursache einer ISG-Blockade dargestellt.
Chiropraktik
Liegen geeignete funktionelle Bewegungseinschränkungen vor und bestehen keine Gegenanzeigen, können chiropraktische oder mobilisierende Techniken Bestandteil der Behandlung sein.
Auch hier gilt: Eine manuelle Behandlung sollte mit aktiven Maßnahmen verbunden werden, damit Beweglichkeit, Belastbarkeit und Eigenkontrolle langfristig verbessert werden.
Multimodale Schmerztherapie
Bestehen die Beschwerden bereits länger oder wirken mehrere körperliche und psychosoziale Faktoren zusammen, kann eine multimodale Schmerztherapie sinnvoll sein.
Je nach Befund verbinden wir Physiotherapie, Osteopathie und Chiropraktik mit weiteren geeigneten Maßnahmen. Bei relevanten Narben kann eine Neuraltherapie, bei funktionellen Verdauungsbeschwerden oder Stressbelastungen gegebenenfalls eine Phytotherapie (Pflanzenheilkunde) ergänzend besprochen werden.
Wann sollten ISG-Beschwerden ärztlich abgeklärt werden?
Bitte suchen Sie umgehend medizinische Hilfe auf, wenn
- Taubheitsgefühle im Genital-, Damm- oder Gesäßbereich auftreten
- Probleme beim Wasserlassen oder Stuhlgang neu hinzukommen
- Lähmungen oder deutliche Muskelschwäche auftreten
- starke Schmerzen nach einem Unfall bestehen
- Fieber oder Schüttelfrost hinzukommen
- Blut im Urin oder starke Unterbauchschmerzen auftreten
- die Beschwerden während einer Schwangerschaft plötzlich stark zunehmen
- anhaltende nächtliche Schmerzen oder unerklärlicher Gewichtsverlust bestehen
Bei plötzlich auftretenden Blasen- oder Darmstörungen zusammen mit Taubheitsgefühlen im Schritt oder Lähmungserscheinungen muss sofort eine Notaufnahme aufgesucht beziehungsweise der Rettungsdienst unter 112 verständigt werden.
Häufige Fragen
Ist eine ISG-Blockade ein ausgerenktes Gelenk?
In der Regel nein. Das ISG ist durch kräftige Bänder stabilisiert und besitzt nur einen kleinen Bewegungsumfang. Mit „Blockade“ wird meist eine schmerzhafte Funktions- oder Bewegungseinschränkung beschrieben, nicht ein ausgerenktes Gelenk.
Können ISG-Schmerzen ins Bein ausstrahlen?
Ja. Schmerzen können in das Gesäß, die Leiste oder den Oberschenkel ausstrahlen. Reichen sie deutlich unter das Knie oder treten Taubheitsgefühle und Kraftverluste auf, sollte zusätzlich eine Beteiligung von Nerven oder Lendenwirbelsäule untersucht werden.
Hilft Bewegung bei einer ISG-Blockade?
Häufig ist angepasste Bewegung sinnvoll. Welche Übungen geeignet sind, hängt jedoch vom Befund ab. Eine längere Schonung kann Unsicherheit, Kraftverlust und Steifigkeit fördern. Leitlinien empfehlen, normale Aktivitäten möglichst beizubehalten und Bewegung individuell anzupassen.
Kann eine Schwangerschaft ISG-Beschwerden begünstigen?
Ja. Haltung, Belastung und Zusammenspiel von Becken, Bauchwand und Beckenboden verändern sich während der Schwangerschaft. Beschwerden sollten individuell beurteilt und Übungen an Schwangerschaft und mögliche Begleiterkrankungen angepasst werden.
Können Blase, Darm oder Prostata mit den Schmerzen zusammenhängen?
Beschwerden dieser Organe können Schmerzen im Becken oder unteren Rücken begleiten und sollten bei entsprechenden Symptomen ärztlich abgeklärt werden. Ob zusätzlich funktionelle muskuläre oder fasziale Faktoren beteiligt sind, beurteilen wir im Rahmen der Untersuchung.
Quellen und weiterführende Informationen
AWMF – S2k-Leitlinie Spezifischer Kreuzschmerz
AWMF – S3-Leitlinie Radiofrequenz-Denervation der Facettengelenke und des Iliosakralgelenks
JOSPT – Interventions for the Management of Acute and Chronic Low Back Pain: Revision 2021
NICE – Low back pain and sciatica in over 16s: assessment and management
American College of Obstetricians and Gynecologists – Back Pain During Pregnancy
Hinweis zur Evidenz
Dieser Artikel basiert auf aktuellen Leitlinien und wissenschaftlichen Veröffentlichungen sowie unserer klinischen Erfahrung. Funktionelle Zusammenhänge zwischen ISG, Beckenboden, Narben sowie Bauch- und Beckenorganen werden im Rahmen unserer Befunderhebung berücksichtigt. Sie sind je nach Fragestellung unterschiedlich gut wissenschaftlich untersucht und werden nicht pauschal als Ursache der Beschwerden angenommen.
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Ines Beger
Physiotherapeutin · Heilpraktikerin · Osteopathin
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Zuletzt aktualisiert: Juli 2026