Diagnosen

Diagnosen auf einen Blick
Post-Polio-Syndrom – Schädigung der Motoneuronen und Auswirkungen auf die Muskulatur

Das Post-Polio-Syndrom (PPS) bezeichnet neu auftretende Beschwerden, die viele Jahre oder Jahrzehnte nach einer überstandenen Poliomyelitis (Kinderlähmung) entstehen können.

Typisch sind vor allem eine zunehmende Muskelschwäche, eine ungewöhnlich schnelle Ermüdung sowie Muskel- und Gelenkbeschwerden. Dabei handelt es sich nicht um eine erneute Infektion mit dem Poliovirus, sondern um mögliche Spätfolgen der früheren Erkrankung.

Nach einer Poliomyelitis können verbliebene Nervenzellen teilweise die Versorgung zusätzlicher Muskelfasern übernehmen. Diese Kompensation kann über viele Jahre funktionieren. Im weiteren Verlauf kann die Belastbarkeit dieser motorischen Einheiten jedoch abnehmen, sodass erneut Beschwerden auftreten können. Der ICD-10-Code für das Post-Polio-Syndrom lautet G14.

Welche Beschwerden können auftreten?

Die Beschwerden können von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich ausgeprägt sein.

Typische Symptome sind:

  • neu auftretende oder zunehmende Muskelschwäche
  • schnelle Ermüdung der Muskulatur
  • ausgeprägte körperliche Erschöpfung
  • Muskel- und Gelenkschmerzen
  • verminderte körperliche Belastbarkeit
  • Schwierigkeiten beim Gehen oder längeren Stehen
  • Veränderungen des Gangbildes
  • zunehmende Unsicherheit und Sturzgefahr
  • Muskelabbau
  • Kälteempfindlichkeit
  • Schlafprobleme
  • in ausgeprägteren Fällen Schwierigkeiten beim Schlucken oder Atmen

Auch Muskelgruppen, die während der ursprünglichen Kinderlähmung scheinbar nicht betroffen waren, können später Beschwerden entwickeln.

Nicht alle Betroffenen entwickeln sämtliche Symptome. Deshalb ist eine individuelle neurologische Abklärung wichtig.

Welche Ursachen gibt es?

Während einer Poliomyelitis können motorische Nervenzellen geschädigt werden. Diese sogenannten Motoneuronen übertragen Signale vom Nervensystem auf die Muskulatur.

Nach der Erkrankung können verbliebene Nervenzellen zusätzliche Muskelfasern übernehmen und dadurch Funktionsverluste teilweise ausgleichen.

Diese vergrößerten motorischen Einheiten müssen über viele Jahre eine erhöhte Leistung erbringen. Mit zunehmendem Alter kann diese Kompensationsfähigkeit nachlassen.

Zusätzlich können weitere Faktoren Beschwerden verstärken, beispielsweise:

  • altersbedingter Muskelabbau
  • langjährige Fehl- oder Überbelastungen
  • Gelenkveränderungen
  • verminderte körperliche Belastbarkeit
  • Gewichtszunahme
  • zusätzliche orthopädische oder neurologische Erkrankungen

Das Post-Polio-Syndrom bedeutet nicht, dass das Poliovirus erneut aktiv geworden ist.

Wie wird das Post-Polio-Syndrom diagnostiziert?

Die Diagnose wird in der Regel neurologisch gestellt.

Einen einzelnen Test, der ein Post-Polio-Syndrom eindeutig nachweist, gibt es nicht. Deshalb spielen die Krankengeschichte, die körperliche Untersuchung und der Ausschluss anderer Erkrankungen eine wichtige Rolle.

Von Bedeutung sind insbesondere:

  • eine früher durchgemachte Poliomyelitis
  • eine lange Phase mit weitgehend stabiler neuromuskulärer Funktion
  • neu auftretende oder zunehmende Muskelschwäche beziehungsweise Ermüdung
  • der Ausschluss anderer Ursachen

Je nach Beschwerden können weitere Untersuchungen durchgeführt werden, beispielsweise neurologische Untersuchungen, Elektromyografie, Untersuchungen der Nervenfunktion, Blutuntersuchungen oder bildgebende Verfahren.

Bei Atem- oder Schlafproblemen können zusätzliche pneumologische oder schlafmedizinische Untersuchungen erforderlich sein.

Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es?

Eine Behandlung, durch die bereits geschädigte Motoneuronen wiederhergestellt werden können, steht derzeit nicht zur Verfügung.

Die Therapie richtet sich deshalb nach den individuellen Beschwerden und dem Ziel, vorhandene Fähigkeiten möglichst lange zu erhalten.

Je nach Befund können unter anderem infrage kommen:

  • individuell dosierte Bewegung und körperliche Aktivität
  • Physiotherapie
  • Anpassung von Belastung und Erholungszeiten
  • Schmerzbehandlung
  • Hilfsmittelversorgung
  • Orthesen
  • Anpassungen am Arbeitsplatz oder im häuslichen Umfeld
  • Behandlung von Schlaf- oder Atemproblemen
  • gegebenenfalls ergotherapeutische oder logopädische Maßnahmen

Entscheidend ist dabei eine angemessene Belastungssteuerung. Eine ausgeprägte Erschöpfung bereits geschwächter Muskulatur sollte möglichst vermieden werden.

Bewegung beim Post-Polio-Syndrom

Menschen mit Post-Polio-Syndrom sollten körperliche Aktivität nicht grundsätzlich vermeiden.

Gleichzeitig ist ein möglichst intensives Training nicht automatisch sinnvoll. Bei deutlich vorgeschädigter Muskulatur kann eine wiederholte Überlastung Beschwerden verstärken.

Ziel ist deshalb eine individuell angepasste Belastung.

Dabei können beispielsweise berücksichtigt werden:

  • aktuelle Muskelkraft
  • Ermüdbarkeit
  • Erholungszeit nach Belastung
  • Schmerzen
  • Gangfähigkeit
  • Gleichgewicht
  • Alltagsanforderungen

Eine gute Belastungssteuerung kann bedeuten, Aktivitäten auf mehrere Abschnitte zu verteilen, Pausen frühzeitig einzuplanen und Hilfsmittel gezielt einzusetzen.

Wann kann Physiotherapie helfen?

Physiotherapie kann sinnvoll sein, wenn das Post-Polio-Syndrom zu Einschränkungen von Bewegung, Kraft oder Selbstständigkeit führt.

Mögliche Behandlungsziele sind:

  • vorhandene Beweglichkeit erhalten
  • Gang und Transfers sicherer gestalten
  • Gleichgewicht verbessern
  • Sturzrisiken reduzieren
  • geeignete Bewegungsstrategien entwickeln
  • Überlastungen vermeiden
  • vorhandene Muskelkraft möglichst sinnvoll nutzen
  • Alltagstätigkeiten erleichtern
  • geeignete Pausen- und Belastungsstrategien entwickeln

Wichtig ist, dass Übungen an die individuelle Belastbarkeit angepasst werden. Ziel ist nicht, geschwächte Muskulatur möglichst stark zu beanspruchen, sondern vorhandene Fähigkeiten funktionell und möglichst ökonomisch einzusetzen.

Weitere Informationen finden Sie auf unserer Seite:

Neurologische Physiotherapie und KG-ZNS in Leipzig

Häufig gestellte Fragen zum Post-Polio-Syndrom

Ist das Post-Polio-Syndrom eine erneute Kinderlähmung?

Nein. Das Post-Polio-Syndrom ist keine erneute Infektion mit Polioviren.

Die Beschwerden werden als mögliche Spätfolgen einer früher durchgemachten Poliomyelitis verstanden.

Wann tritt ein Post-Polio-Syndrom auf?

Die Beschwerden können erst viele Jahre oder Jahrzehnte nach der ursprünglichen Poliomyelitis auftreten.

Typisch ist, dass Betroffene zuvor über einen langen Zeitraum eine relativ stabile körperliche Situation hatten.

Welche Symptome sind besonders typisch?

Besonders häufig sind neu auftretende Muskelschwäche, schnelle Ermüdung, ausgeprägte Fatigue sowie Muskel- und Gelenkschmerzen.

Auch Veränderungen der Gehfähigkeit oder eine geringere Belastbarkeit können auftreten.

Kann auch eine früher nicht gelähmte Muskulatur betroffen sein?

Ja. Spätere Muskelschwäche kann auch Muskelgruppen betreffen, die während der ursprünglichen Poliomyelitis nicht offensichtlich gelähmt waren.

Darf ich mit Post-Polio-Syndrom Sport treiben?

Körperliche Aktivität kann sinnvoll sein, sollte aber an die individuelle Belastbarkeit angepasst werden.

Insbesondere deutlich geschwächte Muskulatur sollte nicht regelmäßig bis zur völligen Erschöpfung trainiert werden.

Muss ich meine Muskeln kräftigen?

Nicht jede geschwächte Muskelgruppe sollte automatisch intensiv gekräftigt werden.

Entscheidend ist zunächst, welche Muskulatur ausreichend belastbar ist und welche möglicherweise bereits stark vorgeschädigt ist. Training sollte deshalb individuell dosiert werden.

Warum bin ich nach Belastung so lange erschöpft?

Beim Post-Polio-Syndrom kann die neuromuskuläre Belastbarkeit vermindert sein. Aktivitäten, die früher problemlos möglich waren, können dadurch deutlich mehr Kraft beanspruchen.

Eine angepasste Belastungsverteilung und ausreichende Erholungszeiten können deshalb besonders wichtig sein.

Kann Physiotherapie das Post-Polio-Syndrom heilen?

Nein. Physiotherapie kann die zugrunde liegende Schädigung der Motoneuronen nicht rückgängig machen.

Sie kann jedoch dabei unterstützen, vorhandene Fähigkeiten zu nutzen, Bewegungen ökonomischer zu gestalten und Mobilität und Selbstständigkeit möglichst lange zu erhalten.

Wann sollte ich neue Beschwerden ärztlich untersuchen lassen?

Neu auftretende oder deutlich zunehmende Muskelschwäche sollte ärztlich beziehungsweise neurologisch abgeklärt werden.

Besonders wichtig ist eine zeitnahe medizinische Untersuchung bei:

  • rasch zunehmender Schwäche
  • neuen ausgeprägten Gangproblemen
  • häufigen Stürzen
  • Schluckbeschwerden
  • Atemproblemen
  • neu auftretenden neurologischen Symptomen

Andere Erkrankungen können ähnliche Beschwerden verursachen und sollten deshalb ausgeschlossen werden.

Medizinischer Hinweis

Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine persönliche ärztliche Untersuchung, Diagnose oder individuelle Therapieempfehlung. Welche Übungen und Behandlungen geeignet sind, hängt vom persönlichen Befund und von der individuellen Belastbarkeit ab.

Verantwortlich für den Inhalt

Ines Beger
Physiotherapeutin · Heilpraktikerin · Osteopathin

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